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Quadratur des Kreises – So soll der Mainzer Biotech-Campus aussehen

Paukenschlag kurz vor Weihnachten: Einen Tag vor den Ferien verkündete der oberste Grüne der Stadt, Bürgermeister Günter Beck, zusammen mit der Grünen und Gründezernentin Janina Steinkrüger sowie dem Bauamt, die Rahmenplanung für das geplante 50 Hektar große Biotechnologie-Areal jenseits der Saarstraße. Spoiler-Alarm: Knapp die Hälfte soll fürs erste versiegelt werden – das entspricht ungefähr 30 Fußballfeldern.

Das Ganze ist natürlich die Quadratur des Kreises, denn auf der einen Seite möchte die Stadtspitze den Wirtschaftsstandort Mainz ausbauen, auf der anderen Seite stehen Resolutionen wie „Klimanotstand Mainz“, die Versiegelung von bestem Boden, der noch nicht einmal im Besitz der Stadt zu sein scheint, die Problematik des Kaltluftflusses hinunter in die Innenstadt, Artenschutz, oder aber auch Warnungen oder Vorgaben bis hoch zum Bundesumweltministerium, die Versiegelung von Böden (eigentlich) doch soviel wie möglich zu begrenzen. Auch ist immer noch die eigentlich tatsächliche Nachfrage nach Biotech-Räumlichkeiten in Mainz nicht wirklich abschließend geklärt.

Nichts destotrotz läuft im Hintergrund seit Monaten ein Wettbewerb, wie das Areal dennoch möglichst klimaschonend bebaut werden kann, dessen Sieger nun feststeht: Das Votum für den Entwurf der Berliner Landschaftsarchitekten und Stadtplaner ISSS sei einstimmig gefallen, sagt der emeritierte Prof. Kees Christiaanse von der ETH Zürich, der Vorsitzende des Preisgerichts, bei der Vorstellung der Ergebnisse. Der Entwurf biete intelligenten Städtebau und halte alle Kriterien der Auslobung ein. Die Vorgaben zu den klimatologischen Auswirkungen spielten dabei eine zentrale Rolle. So war festgeschrieben, dass der Kaltluftabfluss durch die Bebauung maximal um zehn Prozent und möglichst nur um sieben Prozent verringert werden durfte. Ein genauer Wert zum Ausmaß der Strömungsverringerung kann bei der Vorstellung für den Entwurf allerdings nicht angegeben werden und auch sonst sucht man bisher vergeblich nach den Studienergebnissen und Modellierungen, die jedoch nachgereicht werden sollen. Christiaanse: „Der städtebauliche Entwurf kennzeichnet sich durch eine intelligente Anordnung von fünf Quartierscluster, die weitgehend autark sind und eine klare Identität gegenüber einander im umgebenden Freiraum bilden. Zwischen den zwei östlichen Clustern bildet eine Eingangszone mit Tramhaltestelle den Auftakt zum inneren Bereich, das sich in der Form eines großzügigen Almend und eine Parkzone mit einem bachförmigen Wasserretentionsbecken als zentraler Freiraum öffnet. Das südliche Cluster dreht sich parallel zum Dalheimer Weg, wodurch eine spannende Dreiecksbeziehung entsteht. Diese Anordnung erlaubt auch einen harmonischen Übergang hinsichtlich Biodiversität und Landwirtschaft. Letztendlich bildet der Städtebau einen Schlussstein im Süden und Westen, wodurch es in Zukunft schwierig wird, weiter auf der grünen Wiese zu bauen.“

Unter dem Vorsitz von Christiaanse wurden die Wettbewerbsarbeiten von einer Jury aus Fachexperten sowie Vertretern der Stadt Mainz, der GVG und der Stadtwerke bewertet. Vertreter der jeweiligen Fraktionen und der zuständigen Ortsbeiräte, zwei Vertreter der Bürgerinitiative „Vernetzungsgruppe Biotech-Areal Saarstraße“ und ein Vertreter vom NABU waren als Berater im Preisgericht eingebunden und begleiteten den Wettbewerb.

Von den geplanten 50 Hektar sollen 9 mit Gebäuden verbaut werden, dazu kommen um die 10 Hektar für Straßen, Plätze und Garagen, so dass – wenn die Stadt es schafft, die Flächen zu erwerben – etwa die Hälfte zu versiegeln geplant ist – fürs erste. Die Gebäude stehen dabei in Abschnitten, so dass immer wieder Platz dazwischen ist, sogar für kleinere Äcker. Wie dies in der Praxis gehandhabt werden soll, ist eine andere Frage. Jedes der 5 Gebäudeensemble soll zudem eine eigene Quartiersgarage erhalten.

Das Projekt ist ein Langfrist-Projekt. Abgesehen davon, dass die Flächen wie gesagt noch erworben werden müssen, muss das Büro auch noch ein Angebot abgeben und entsprechende Verhandlungen geführt werden. Die Gutachten wollen zudem veröffentlicht werden, um für alle Seiten nachvollziehbar zu machen, was wie untersucht wurde. Günter Beck sieht für die Gesamtentwicklung eine Zeitachse von bis zu 20 Jahren.

Oberbürgermeister Haase: „Der Ausbau des Standortes Mainz ist eine zentrale Aufgabe, weshalb wir in den kommenden Monaten und Jahren wichtige Weichen für unseren Wirtschafts- und Biotechnologiestandort stellen. Selbstverständlich muss die Stadtpolitik bei allen Ausbaumaßnahmen immer den Schutz des städtischen Klimas im Fokus behalten – das ist möglich, wenn der Wille und die Kompetenz dazu zusammenkommen, was hier geschehen ist. Daher ist das vorliegende Ergebnis eine spannende Langzeitperspektive, wofür ich allen Beteiligten danken möchte. Kurz- und mittelfristig liegt der Fokus auf der Hochschulerweiterungsfläche B158 und auf der Entwicklung bereits versiegelter Flächen, wozu auch die Flächen der Universität selbst zählen.“

Kritik von den Parteien

Während die FDP den Entwurf lobt – ihr Mitglied und GVG-Geschäftsführer Franz Ringhoffer war in der Jury vertreten – kritisiert die ÖDP, dass auch der beste Entwurf nichts ändert „an der Tatsache, dass jede Art von Besiedelung diesen empfindlichen Naturraum zerstören wird“. Man setze sich besser für eine gewerbliche Entwicklung auf bereits versiegelten Flächen ein: Ein Biotechnologiestandort könne auch dezentral erfolgreich sein, wie Biontech bewiesen habe. Auch fördere man nach wie vor ein umfassendes Stadtentwicklungskonzept, zumal die Entwicklung des neuen Gewerbegebietes mit geplant rund 5.000 Arbeitsplätzen auch nach weiteren Flächen für Wohnraum verlange.

Preisträger

  • 1. Preis

ISSS research I architecture I urbanism, Berlin mit Greenbox Landschaftsarchitekten PartG mbB, Köln

  • 2. Preis

Hähnig I Gemmeke Architekten BDA Partnerschaft mbB, Tübingen

  • 3. Preis

Yellow z Abel Bormann Koch PartGmbB, Berlin mit Holzwarth Landschaftsarchitektur, Berlin

  • Anerkennung

Albert Wimmer ZT-GmbH, Wien mit DELTA PODSEDENSEK ARCHITEKTEN ZT GmbH, Wien mit Knollconsult Umweltplanung ZT GmbH, Wien

  • Anerkennung

gmp International GmbH, Hamburg mit MERA Landschaftsarchitekten Partnerschaft mbB, Hamburg

Download-Link für Abbildungen der Preisträger: https://datenversand.fsw-info.de/WB-Biotechnologiestandort_Mainz_Ergebnis.zip

Weitere Teilnehmer:

  • 03 Arch. GmbH, München mit realgrün Landschaftsarchitekten / Gesellschaft von Landschaftsarchitekten und Stadtplanern mbH, München
  • AS+P Albert Speer + Partner GmbH, Frankfurt am Main
  • Ferdinand Heide Architekt, Frankfurt am Main mit TOPOS Landschaftsplanung, Berlin
  • Hille Tesch Architekten+Stadtplaner PartGmbB, Mainz mit C.F. Møller Danmark A/S, Aarhus
  • Holzer Kobler Architekturen Berlin GmbH, Berlin mit CITYFÖRSTER architecture+urbanism, Hannover mit Felixx International, Rotterdam
  • K9 Architekten GmbH, Freiburg mit faktorgruen Landschaftsarchitekten, Freiburg
  • Molestina Architekten + Stadtplaner GmbH, Köln mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten GmbH, München
  • Octagon Architekturkollektiv, Leipzig mit HDR GmbH, Düsseldorf mit KRAFT.RAUM. Landschaftsarchitektur und Stadtentwicklung, Düsseldorf
  • Planquadrat Elfers Geskes Krämer PartG mbB, Darmstadt mit geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin
  • prosa I Architektur + Stadtplanung BDA Quasten Rauh PartGmbB, Darmstadt mit haefner jiménez betcke jarosch landschaftsarchitektur gmbh, Berlin
  • Raumwerk GmbH, Düsseldorf mit BIERBAUM.AICHELE.landschaftsarchitekten Part.GmbB, Mainz
  • rheinflügel severin, Düsseldorf mit Ludloff Ludloff Architekten GmbH, Berlin mit A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin
  • steidle architekten Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern mbH, München mit mk.landschaft, München
  • tobe.STADT Büro für Städtebau und Stadtplanung, Frankfurt am Main mit sinning architekten, Darmstadt mit Planorama, Berlin
  • UNStudio (Germany) GmbH, Frankfurt am Main mit studio grüngrau Landschaftsarchitektur GmbH, Düsseldorf

Wie geht es weiter?

Ab Freitag den 5. Januar werden die Wettbewerbsergebnisse zwei Wochen lang (bis zum 19. Januar 2024) im Schönbornsaal auf der Zitadelle (Am 87er Denkmal, Bau A) ausgestellt (Mo-Mi 8.30-16 Uhr, Do 8.30-20 Uhr, Fr 8.30-13 Uhr). Auch hier sind noch Einsprüche abzuwarten.

Das Ergebnis des Wettbewerbs wird dann den Gremien vorgelegt. Damit eine Überarbeitung und somit ein „Feintuning“ der Idee nach Vergaberecht möglich ist, wurde der Wettbewerb zudem mit einer Beauftragung für die Überarbeitung des Entwurfs – in Form eines städtebaulich-freiraumplanerischen Rahmenplans – gekoppelt.

Die städtebauliche Strategie, die Auslobung sowie weitere Informationen sind auf der Website des Stadtplanungsamtes (www.mainz.de/stadtplanungsamt → Stadtplanung → Städtebauliche Planungen → Städtebauliche Strategie Biotechnologie-Standort Mainz) veröffentlicht.  Hier werden auch die Ergebnisse des Wettbewerbs eingestellt. Aufgrund der Feiertage kann es hier zu Verzögerungen kommen.

(Bilder: ISSS)

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