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Portrait: Der Karikaturist Klaus Wilinski

Klaus Wilinski darf getrost als „der“ Mainzer Karikaturist bezeichnet werden. Seine Zeichnungen begleiten seit mehr als vier Jahrzehnten die Mainzer Politik – und nicht wenige der in der Lokalpolitik Aktiven gelten als „geadelt“, sobald sie sich in einer der kritisch-humorvollen Szenerien dargestellt sehen. Als „freischaffender Diplom-Grafik-Designer“ sagt er über sich selbst: „Ich male kleine bunte Bildchen gegen den großen grauen Alltag.“ Damit begann der gebürtige Nackenheimer übrigens schon zu Schulzeiten, als er noch unliebsame Lehrkräfte karikierte. Der große Unterschied: Seit seinem Studium kann er vom Zeichnen leben.
Stoff für 1.000 Karikaturen
Nach einer Lehre als Dekorateur und Schaufenstergestalter studierte Wilinski Visuelle Kommunikation und Kunsterziehung in Mainz. Seit 1985 ist er freischaffender Grafik-Designer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Karikaturen – 27 Jahre lang war er der Hauskarikaturist der Mainzer Rheinzeitung, bis das Mutterhaus in Koblenz 2013 ihr Erscheinen in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt beendete. Und selbst dem unrühmlichen Abgang hatte Wilinski eine Karikatur gewidmet. Auf einem Friedhof waren zeichnerisch alle Künstler aufgeführt, die nicht älter als 27 wurden. Immerhin posierte die Urne der Mainzer Rheinzeitung neben denen von Superstars wie Jimi Hendrix, Amy Winehouse, Kurt Cobain oder Janis Joplin. Die gute Nachricht für Wilinski: Er überlebte sie alle und zeichnet seitdem in der Allgemeinen Zeitung weiter. Kann man davon leben? Tatsächlich hat er noch viele weitere „Projekte“, stets unterstützt von seiner Frau Karina, die als Industriemeisterin Druck vor allem für den technischen Bereich zuständig ist. So ganz nebenbei spielt sie bei der Themenauswahl auch eine Rolle. „Ich lege ihr immer meine ersten Ideen vor, und wenn Karina den Kopf schüttelt, muss ich mir was Neues ausdenken.“ An Ideen jedenfalls mangelt es so nie: „Man muss nur hinhören, was die Meenzer babbeln, dann hat man schnell Stoff für 1.000 Karikaturen.“ Das Resultat nach 37 Jahren sind rund 2.500 Zeichnungen. So viel, dass er sie unlängst dem Mainzer Stadtarchiv übergeben hat – eine Art gezeichnetes Vermächtnis bzw. Vorlass statt Nachlass, wie er es nennt, mit handgezeichneten Karikaturen aus den Jahren 1985 bis 2021. Zur Feier verkündigte der 69-Jährige, dass er mindestens noch fünf Jahre allsamstäglich die Karikatur in der Zeitung zeichnen will, es sei denn, er werde von einem Bus überfahren … das 40-jähriges Karikatur-Jubiläum feiert er in fünf Jahren.

„Neben“-Projekte von Spiel bis Comic
Wilinski kreiert aber auch noch Spiele, hat Comics und Trickfilme gezeichnet, Kalender, Flyer, Broschüren und Magazine gestaltet – unterschiedlichste Grafikaufträge also -, so hat unter anderem auch das e-Book „Giganten der Neuzeit“ herausgegeben sowie das legendäre Kartenspiel „Die Bleilaus“, zusammen mit dem früheren Gutenberg-Darsteller Harro Neuhardt. Der tunkte jahrelang zur Johannisnacht als Gautschmeister Prominente, aber auch ernsthafte Nachwuchskräfte der Buchdruckerzunft in eine mit Wasser gefüllte riesige Bütt und unterzog sie damit einer mehr oder weniger freiwilligen Taufzeremonie. Das Spiel funktioniert ähnlich wie „Schwarzer Peter“: Auf jeder der 37 Karten hat Wilinski einen Fachausdruck aus dem Drucker- und Setzerhandwerk wie „Hurenkind“ oder „Schusterjunge“ in Szene gesetzt. Erklärende Bildunterzeilen kamen von Neuhardt mit Unterstützung des Gutenberg-Museums. Inzwischen hat die „Bleilaus“ sogar Nachwuchs bekommen. Das Nachfolgespiel heißt „Die Reblaus und nimmt den Wein samt Weinsorten aufs Korn, mit humorvollen Erläuterungen, wie beispielsweise „Der schrägste Typ, die geilste Show, ist der Silvaner mit Niveau”. Auch war Wilinski 18 Jahre lang der Zeichner für die Motivwagen des Mainzer Carneval- Vereins (MCV). Die überlebensgroßen karikierenden Kunstwerke, die er mit dem MCV-Wagenbauer Dieter Wenger entwickelte, sind einer der Höhepunkte und Markenzeichen des Rosenmontagszugs. Alljährlich nehmen sie, mit satirischen Seitenhieben gespickt, Ereignisse und Persönlichkeiten auf die närrische Schippe. Mit einigen Motiven hat Wilinski sogar überregional für Schlagzeilen gesorgt. Dass er es nun sogar ins Stadtarchiv geschafft hat, erfüllt ihn mit einem gewissen Stolz. Immerhin hat er von dessen Leiter Prof. Dr. Wolfgang Dobras ein ungewöhnliches Lob erhalten: „Mit den Karikaturen haben wir eine der außergewöhnlichsten Quellen zur Mainzer Lokalgeschichte für die Nachwelt gesichert.“

Text Michael Bonewitz Fotos Stephan Dinges

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