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Plastikfrei leben in Mainz? Ein Selbstversuch aus der AZ-Lokalredaktion

Aus der Allgemeinen Zeitung von Carina Schmidt

Seit Monaten kursieren erschreckende Bilder in den Medien: Strände, kilometerlang von einer Schicht aus Plastikmüll bedeckt; Taucher umgeben von einer Wolke aus Flaschen, Müllsäcken und Verpackungen; Wale, die elend verhungert angeschwemmt werden – den Magen voller Plastik.

Diese Szenen erschüttern. Und doch haben wir Deutsche beim Thema Müll gewöhnlich ein gutes Gewissen. Schließlich trennen wir ihn ja und haben Plastikpfand. Beim Recyceln sind wir technologisch außerdem weit vorne. Doch Fakt ist: Nirgends in der EU fällt pro Kopf mehr Verpackungsmüll an als in Deutschland. Jährlich entstehen rund 18 Millionen Tonnen. 2016 waren es pro Kopf 220,5 Kilogramm. Als ich diese Zahlen lese, beschließe ich ein Experiment: eine Woche ohne Plastik.

Im Supermarkt samstagmorgens fällt mein Blick auf die verpackten Waren der Kunden in den Einkaufswagen. Darunter Pilze in Plastikschalen, Gurken im Plastikstrumpf, Zwiebeln im Plastiknetz. Es geht weiter mit Soßen in Tuben, fertigen Mahlzeiten in Konserven, Joghurtbechern, Zahnpasta, Putzmitteln, Käse und Hähnchenbrustfilet. Richtig absurd: hart gekochte und geschälte Eier oder entkernte Avocado-Hälften in Plastik verschweißt.
Doch wie lässt sich das alles aus dem Alltag verbannen und durch Alternativen ersetzen? Unverpacktes Obst und Gemüse – das ist leicht. Ich kaufe auf dem Wochenmarkt ein, nehme mehrere Jutetaschen mit. An den Ständen mit Oliven, Gurken und sonstigen Antipasti-Leckereien scheitere ich. Denn dass die Marktbeschicker mir ihre Waren in mitgebrachte Behälter füllen, ist nicht erlaubt. Aus Hygienegründen, lautet die Erklärung.

Naschereien sind tabu

Bei Tegut in der Holzhofstraße gibt es seit April genau diese Möglichkeit. Es ist die einzige Filiale in Mainz. Zunächst muss ich mein Behältnis geöffnet auf ein Tablett stellen. Der Verkäufer nimmt es entgegen, befüllt das Behältnis, schiebt das Tablett zurück und ich muss den Deckel selbst draufmachen. Zum Schluss gibt es noch einen Aufkleber, auf dem der Preis für die abgewogene Menge steht – natürlich abzüglich Behältnis und Tablett.

Wie Anne Biendara aus der Tegut-Öffentlichkeitsarbeit informiert, wird dieses Angebot von den Stammkunden regelmäßig genutzt. Aus praktischen Gründen jedoch weniger von der Laufkundschaft. Bei Rewe gibt es dieses Angebot nicht. Aus der Pressestelle erfahre ich, dass man 2017 einen Testlauf im Ruhrgebiet mit einer eigenen Tupperdose gestartet habe. Wegen mangelnder Akzeptanz bei den Kunden sei dieser aber nicht fortgesetzt worden.

Tabu sind für mich beim Plastikstreik sämtliche Naschereien aus dem Supermarktregal. Von Bonbons über Chips bis zu Plätzchen. Da ich Veganerin bin, kann ich mir auch Pflanzenmilch aus dem Tetrapack (denn in einer Pfandflasche gibt es sie nicht) und veganen Käse aus Mandeln abschminken. Denn den gibt es nur in Plastik verpackt. Bleiben mir also noch Aufstriche im Glas.

Zahnbürsten aus Bambus

Schnell wird mir klar: Wenn ich diese Woche lecker essen möchte, muss ich viel Zeit in der Küche verbringen. Indem ich beispielsweise Mandelmilch selbst herstelle (Mandeln acht Stunden einweichen, mit Wasser pürieren, durch ein Küchentuch pressen und von den Mandelresten trennen – Zubereitungszeit: 20 Minuten). Auch Aufstriche lassen sich prima selbst herstellen. Das Internet ist voller Rezeptvorschläge.

Ein Geschäft in Mainz hat sich auf Menschen eingestellt, die plastikfrei leben möchten: „Unverpackt“ in der Kurfürstenstraße. Hier werden fast 400 Artikel angeboten, die in beliebiger Menge gekauft und in Mehrwegbehälter gefüllt werden können. Beispielsweise Öle, Teigwaren, Müsli, Gewürze, Mehl, Reis und Waschmittel. Sogar festes Shampoo und Duschgel (jeweils als Seife), Spülmaschinentabs und Toilettenpapier aus Bambus gibt es dort. Der Griff der Zahnbürsten besteht ebenfalls aus Bambus und die Borsten wurden aus Rizinusöl hergestellt. Als Alternative zu Zahnpasta kann man kleine Kautabletten kaufen. Unter der Dusche stelle ich fest: Die Seifen schäumen prima, selbst lange Haare lassen sich hinterher gut kämmen und fühlen sich weich an. Die Kautabletten zum Zähneputzen überzeugen mich aber nicht. Ohne einen Schluck Wasser klebt das Zeug zäh zwischen den Zähnen. Immerhin machen sie einen frischen Atem.

Viel Zeit, viel Geld und viele Einschränkungen

Doch nicht nur der Körper, auch die Wohnung will gepflegt werden. Im Internet finde ich den Orangenreiniger des Wissenschaftsjournalisten Jean Pütz. Die Flasche ist aus Glas, der Deckel leider aus Plastik. Geeigneter erscheint mir der „Sauberkasten“, mit dem man aus Zutaten wie Natron, Zitronensäure, Kernseife und Melissenöl zehn Reiniger herstellen kann. Messbecher und Rezeptanleitungen sind dabei. Ich kaufe das Klassik-Paket (die Verpackung besteht komplett aus Papier) und mixe mir drei Putzmittel in 20 Minuten selbst: Spülmaschinenpulver (Soda und Zitronensäure), Waschmittel (Kernseife, Soda, ätherisches Öl und warmes Wasser) und Vielzweckreiniger (Essig, ätherisches Öl und Wasser). Und das Saubermachen funktioniert hervorragend. Schaum darf man allerdings nicht erwarten. Die Wäsche duftet hinterher außerdem deutlich dezenter. Die Zutaten gibt es auch einzeln in Apotheken oder Reformhäusern zu kaufen. Allerdings habe ich das Sortiment nirgendwo komplett plastikfrei gefunden.

Am Ende der Woche stelle ich fest: Ein plastikfreies Leben ist temporär möglich, aber teilweise zeitaufwendig, teuer und mit Einschränkungen verbunden. Zu manchen Dingen habe ich schlichtweg keine Alternativen gefunden. Beispielsweise plastikfreie Schminke. Deshalb habe ich das eine oder andere Auge bei meinem Experiment zugedrückt. Etwa als ich neue Katzenaugen für mein Fahrrad benötigte. Oder als die Chefin eine Runde Eis ausgegeben hat. Für mich gab es Mangofruchteis im Becher mit Plastiklöffel. Eine Waffel wäre nicht in Frage gekommen, da sie nicht vegan ist. Tja, einen Tod muss man sterben… Und ja, ich habe manchmal auswärts gegessen, wo manche Lebensmittel mit Sicherheit in Plastik eingepackt waren. Natürlich hätte ich mir alle Mahlzeiten und Getränke selbst zubereiten können. Aber ich habe ein Sozialleben und bin gerne unter Menschen.

Nichtsdestotrotz hat die Erfahrung mein Bewusstsein geschärft. Den eigenen Plastikverbrauch zu reduzieren ist auf jeden Fall möglich. Alltagstaugliche Dinge werde ich auf jeden Fall beibehalten. Für ein besseres Gewissen.

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