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Osterpredigt von Bischof Peter Kohlgraf: „Fürchtet euch nicht“

„Fürchtet euch nicht“ ist das erste Wort der Engel an die Frauen am Grab, „Fürchtet euch nicht“ ist die Botschaft des Auferstandenen selbst. Die gesamte Szene ist ungeheuerlich. Himmel und Erde werden erschüttert, so beschreibt der Evangelist den österlichen Morgen. Die Osterbotschaft ist für mich auch deshalb so glaubwürdig, weil da nicht einfach Jesus vor den Frauen steht und sagt: Alles ist
wieder gut, oder: da bin ich wieder. Er kommt in die Erschütterung der Welt, und die Frauen müssen sich erst einmal dem Schrecken und der Furcht stellen. „Fürchtet euch nicht“ lautet die Osterbotschaft in eine erschütterte Welt. Erschüttert sind wir wahrhaftig. Furcht ist das derzeit bestimmende Lebensgefühl vieler Menschen.
Furcht vor der Ansteckung, tiefe Angst vor dem Tod, Angst vor dem Alleinsein, die Erfahrung der
Überforderung, die Angst vor dem Verlust auch der materiellen Grundlagen, berufliche Sorgen und
vieles andere mehr. Menschen und Welt sind erschüttert. Die Osterbotschaft lautet dabei nicht: alles
halb so wild. Oder: ihr müsst keine Sorgen haben, also lebt derzeit wie es euch gefällt. Furchtlosigkeit
ist nicht Leichtsinn. Die Frauen am Grab leben tatsächlich in einer existenziellen Erschütterung. So
wie die anderen Jünger haben sie ihr Leben auf Jesus und seine Botschaft gebaut. Sie haben
geglaubt, was er sagte, sie haben gesehen, was er tat. Sie haben versucht, nach seinem Beispiel zu
leben, es war eine tiefe Freundschaft. Am Ende stand dann die große Enttäuschung, er stirbt den
Verbrechertod, scheinbar von Gott und den Menschen verlassen. Damit brach auch die Grundlage
des eigenen Lebens weg. Sie mussten das Gefühl haben, ihr Leben vergeudet zu haben, eine
Perspektive ist nicht in Sicht. Dafür steht auch sinnbildlich der Stein vor dem Grab. Nicht nur ist Jesus
tot und begraben, sondern auch die eigenen Perspektiven. Diesen Stein bekommt man nicht selbst
weggerollt. Kann man Gott noch glauben, wenn er selbst seinen Messias und Christus so verlassen
hat?

Die Situation derzeit ist auch eine Anfrage an den Glauben, den Glauben der Kirche, ihre
Verkündigung und den persönlichen Glauben. Das Bild vom offenen Grab und dem weggerollten
Stein ist ein starkes Bild der Hoffnung. Fürchtet euch nicht, das heißt: Lasst euch eine Perspektive für
die Zukunft geben. Lasst euch ein Fundament schenken, dass euch gerade auch in dieser Zeit trägt.
Gott ist stärker als der Tod, seine Liebe trägt, seine Liebe ist da, Jesus ist auferstanden. Er zeigt seine
Treue, wenn auch anders, als wir Menschen planen und denken. Gerne hätten wir in unseren Kirchen
diese Hoffnung gemeinsam gefeiert, Menschen Mut gemacht, ihnen das Licht und die Wärme von
Ostern zugesagt und spüren lassen. Es ist schmerzlich, dies gerade an Ostern nicht mit den Zeichen
und der Festlichkeit feiern zu können, wie wir es gewohnt sind. Aber „Ostern findet statt!“, hat
Bischof Bätzing dieser Tage formuliert. Das Licht leuchtet in die Wohnungen. Die Botschaft ist nicht:
alles halb so schlimm; die Botschaft ist: du bist nicht allein, das Leben siegt, du hast eine Perspektive,
der Stein wird weggerollt. Dein Fundament bricht nicht weg. Das ist leicht gesagt in den
Erschütterungen dieser Zeit. Aber umso dringender ist für mich dieser Glaube: Ich versinke nicht in
den Fluten, ich bleibe nicht im Dunkel, in allen Situationen bin ich, sind wir, in seiner Hand. Die
Frauen und die Jünger haben durch diese Erfahrung neuen Mut und neuen Schwung bekommen. Ich
glaube ihnen. Ich lade alle ein, dies zu feiern, im kleinen Kreis der Familie, auch allein, mit dem Licht von Ostern, das leuchten und wärmen will. Fürchtet euch nicht! Das heißt: Das Leben siegt, es gibt
eine Perspektive, eine Zukunft, ein Leben an Gottes Hand.

Die Botschaft des Auferstandenen lautet: Geht und sagt die Botschaft weiter. Ein wenig später wird
er sie alle in die Welt senden, Botinnen und Boten der Hoffnung zu sein. Ostern wird derzeit weniger
üppig gefeiert als vielmehr gelebt. Vielleicht entdecken wir Ostern neu. Viele Menschen geben
Hoffnung weiter, obwohl sie manchmal selbst nicht weiterwissen, obwohl sie berechtigte Angst um
die Gesundheit und die eigene Existenz haben. Menschen werden hoffentlich über die Krise hinaus
wachsamer füreinander. Wir lernen bestimmte Berufe neu schätzen, und die Menschen, die sie
ausüben. Christsein ist eben nicht allein die feierliche Liturgie, sondern das Tun, das Leben, das
Bezeugen der Hoffnung.

Ich lade Sie alle ein, nicht nur im häuslichen Rahmen eine Kerze zu entzünden, sondern die Sendung
mitzunehmen, Botinnen und Boten der österlichen Hoffnung zu sein, zu werden und zu bleiben.
Dann fällt Ostern tatsächlich nicht aus, dann findet Ostern statt. Ich danke von Herzen allen, die dies
in diesen Tagen aufopferungsvoll leben. Sie sind wirkliche Fenster, die das österliche Licht in diese
Welt hineinlassen. Geht, und seid meine Zeuginnen und Zeugen – das ist der österliche Auftrag. Ich
wünsche von Herzen allen die neue Hoffnung, in Gottes Liebe zu sein, den Mut, Ostern zu leben.

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