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Offener Brief der Bürgerinitiative Mainzer Ludwigsstraße zur aktuellen Situation der Straße

Es rührt sich – offiziell – nichts an der Ludwigsstraße. Die Verwaltung hat nach der Sommerpause ihre Arbeit wiederaufgenommen; Karstadt und Kaufhof fusionieren aktuell und so ziehen sich die Planungen der jetzigen Eigentümer nun wieder hin.
Nach Meinung der Bürgerinitiative Ludwigsstraße warte die Stadtverwaltung auf die nächste Schritte, anstatt mit eigenen Vorstellungen und Erwartungen an die Eigentümer zu gehen und die Entwicklung mit klaren städtebaulichen Vorgaben in die Hand zu nehmen.
Dazu versendet sie folgenden offenen Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns mit diesem offenen Brief an Sie, um einen konstruktiven Beitrag zu den anstehenden Planungen an der Ludwigsstraße (Karstadt) zu leisten. Aus den folgenden Überlegungen ergeben sich für uns Forderungen, die in der politischen Entscheidungsbildung und den Beschlüssen zur städtebaulichen Neuordnung an der Ludwigsstraße angemessen berücksichtigt werden sollten.

Wie sollte die Stadtentwicklungsplanung auf die klimatischen Veränderungen in der Stadt reagieren?
Das Jahr 2018 hat uns erneut einen extremen Sommer beschert und alle, die die Monate Juli und August in Mainz verbracht haben, mussten erleben, wie unerträglich städtisches Leben in Zukunft zwischen Beton und Glas sein wird, wenn wir nicht bald unsere Stadt nach dem Vorbild anderer Städte (Siegen, Essen) für zukünftige Hitzeperioden wappnen.

Die geplante Bebauung des Karstadt-/ Deutsche-Bank-Geländes an zentraler Stelle der Stadt muss eine Wende in der Stadtentwicklungsplanung in Mainz einläuten. Auf keinen Fall darf es an der Ludwigsstraße einen zweiten “Binger Schlag” geben, indem den Investoren an der Ludwigsstraße auch noch jeder Quadratzentimeter öffentlicher Fläche bis an die Ludwigsstraße heran für eine geschlossene Blockbebauung überlassen wird.

Angesichts des Klimawandels, der das urbane Leben in Zukunft immer weiter bestimmen wird, muss ein Umdenken hin zu Entsiegelung, Begrünung und Erhaltung des öffentlichen Raums erfolgen.

Aufgabe der öffentlichen Verwaltung ist es, die – vorrangigen – Ansprüche der Stadtgesellschaft mit dem – nachrangigen – Interesse des Investors in Einklang zu bringen. Die Stadt als Lebensraum muss ausgebaut und darf nicht weiter zu Gunsten von privaten Interessen verkleinert werden.

Studien haben gezeigt, dass neue Grünflächen, Bäume, Fassaden- und Dachbegrünung das Stadtklima erheblich verbessern können und sich so die Temperatur in den Innenstädten sogar um mehrere Grad absenken lässt. Im Städtebau in Mainz sind diese Erkenntnisse jedoch bis heute kaum berücksichtigt worden

Der Umgang mit öffentlichem Raum und die häufig gesichtslose Betonarchitektur etwa am Binger Schlag oder am Zollhafen zeugen davon, dass den wirtschaftlichen Interessen von Investoren Vorrang vor nachhaltigen, zukunftsfähigen Konzepten eingeräumt wurde. Aber unsere bereits sehr dicht bebaute Innenstadt braucht dringend eine solche Neuausrichtung.

Urbanes Leben in Mainz braucht den Erhalt, den Ausbau und die Aufwertung öffentlichen Raums. Im Vorfeld der Kommunalwahl und der Oberbürgermeisterwahl 2019 erwartet die BI Mainzer Ludwigsstraße eine Abkehr vom ‚Investorenstädtebau‘ und eine erklärte Hinwendung zu zukunftsorientierten Konzepten.

Für die Planungen bei Karstadt heißt das konkret: Die öffentlichen Plätze an der Ludwigsstraße dürfen nicht an Investoren veräußert werden! Der öffentliche Raum darf auch nicht verkleinert werden. Die Stadt sollte nicht weiterhin öffentlichen Raum – etwa zwischen den Pavillons vor Karstadt – vernachlässigen. Sie ist verpflichtet, ihr Eigentum zu pflegen und durch geeignete Begrünungsmaßnahmen eine angemessene öffentliche Nutzung zu ermöglichen. Die Plätze sind über Jahre verkommen und die Stadt hat sich nicht um eine Aufwertung und geänderte Nutzung bemüht, um eine gute Aufenthaltsqualität für die Bürger zu schaffen.

Gerade im Zentrum der Innenstadt muss eine Wende in der Stadtplanung erfolgen, damit auch in Zukunft in unserer Stadt noch genug Luft zum Atmen, Leben und Feiern bleibt (letzteres gilt ganz besonders im Hinblick auf die Mainzer Fassnacht und die Johannisnacht!).

Die BI Ludwigsstraße wird dieses Thema auf die Agenda für die Kommunalwahl und die Oberbürgermeisterwahl 2019 setzen.

Städtebaulicher Wettbewerb und wirkliche Bürgerbeteiligung zur Qualitätssicherung der Planungen an der Ludwigsstraße
Die ECE-Shopping-Mall ist unserer Stadt erspart geblieben. Und damit die Konsequenzen, die wir in vielen anderen deutschen Städten zu beklagen haben. Damit haben wir wieder die Chance, Mainz an dieser Stelle als liebens- und lebenswerte Innenstadt weiterzuentwickeln. Aber: Dazu brauchen wir ein Gesamtkonzept für die Ludwigsstraße, vom Gutenbergplatz bis zum Schillerplatz.
Das erreichen wir nicht mit einer blockhaften, geradezu monumentalen baulichen Verdichtung entlang eines Abschnitts der Ludwigsstraße zwischen Eppichmauergasse, Fuststraße und Weißliliengasse, die sich vorrangig an den wirtschaftlichen Interessen von Gemünden und ECE orientiert. Wir brauchen also einen städtebaulichen Wettbewerb.

In Anbetracht des dramatischen Wohnungsmangels in Mainz sollten am Standort möglichst viele Wohnungen entstehen, z.B. in den oberen Geschossen von Gebäuden. Nicht zuletzt hat sich schon einmal die Beteiligung aus der Bürgerschaft bewährt. Die Ludwigsstraßenforen führten zu sehr guten und konsensfähigen Vorgaben für den Planungsprozess. Wir meinen, diese Vorgaben haben auch heute noch Gültigkeit. Da sich aber die Ausgangslage (Eigentümer und deren Planungen) geändert haben, sollten an den kommenden Planungsschritten die Bürger angemessen und vor allem frühzeitig, nämlich jetzt, beteiligt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Die Sprecher der Bürgerinitiative Mainzer Ludwigsstraße e.V.
Vera Mohr, Barbara Johann, Dagmar Wolf-Rammensee und Hartwig Daniels

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