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Leerstand bleibt ein Problem

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Julius Braun
Fotos: Anna Thut

Leerstand bleibt ein Problem – Trotz Happy End für den Osteiner Hof. Wie geht es weiter mit schönen Projekten wie der Trinkhalle, der Kommissbrotbäckerei und dem Hotel Eden?

Der Osteiner Hof hat einen neuen Besitzer. Es sei „ein Gebäude, das die Herzen der Mainzer bewegt“, sagt OB Michael Ebling, der nach dem Verkauf „nur glückliche Gesichter“ sieht. Denn: Der viel befürchtete Leerstand nach dem Abzug der Bundeswehr ist Geschichte. Ende März wurde die Flagge eingeholt. Das Musikkorps spielt „Time to Say Goodbye.“ Und gleich darauf geht die Immobilie weiter an regionale Investoren. Mehr als 10 Millionen Euro wollen die schätzungsweise für die „behutsame Restaurierung“ und den Umbau in die Hand nehmen. Entstehen sollen Luxuswohnungen und edle Büros. In enger Absprache mit den Fachbehörden. Und auch der Balkon des Gebäudes bleibt den Fastnachtern am 11.11. erhalten. Leerstand also kein Problem?

Zahlreiche Leerstände

Nicht ganz. Zwar heißt es aus der Pressestelle der Stadt: Mainz sei von der Thematik „im Verhältnis zu anderen Großstädten, aufgrund der hohen Attraktivität, nur gering betroffen“. Dennoch finden sich auch hier zahlreiche Leerstände: Das Grandhotel Central Eden am Hauptbahnhof bevölkern seit sechs Jahren hauptsächlich Tauben. Die Trinkhalle an der Lessingstraße ist seit mehr als drei Jahren verlassen Und die riesige Kommissbrotbäckerei am Ende der nördlichen Neustadt befindet sich – genau wie vor kurzem noch der Osteiner Hof – im Besitz der Bundesvermögensanstalt. Doch spätestens 2016 wird die Bundeswehr ausziehen, die das Gebäude teilweise als Lager nutzt. Und dann könnte auch diese Immobilie endgültig leer zu neuer Verfügung stehen und ein ganzes Quartier maßgeblich beeinflussen. Verfallener

Glanz

Vor dem Hotel Eden haben sich einige Personen versammelt. Der Treffpunkt ist kein Zufall. Die Stadtratsfraktion der Grünen hat zu einem Rundgang zu den Leerständen der Stadt eingeladen. „Wir werden es nicht schaffen, alles in einem Spaziergang abzugehen“, warnt Stadträtin Katharina Binz die etwa 20 Interessenten. Vor 120 Jahren war das Eden noch Treffpunkt für Filmstars und Promis. Heute ist vom alten Glanz nichts mehr zu spüren: Taubenkot, vernagelte Fenster, bröckelnder Putz. Seit 2008 befindet sich der Bau im Besitz der Mainzer Familie Soibelmann. Da die Sanierung immer teurer wurde, drehte die Bank offenbar den Geldhahn zu. Daraufhin geschah lange Zeit nichts. Doch vor einigen Monaten erschien das Gebäude auf der Internetseite „Immobilienscout“ zum Verkauf. Für 2,5 Millionen Euro. Ob die Familie schon einen neuen Investor gefunden hat, war zu Redaktionsschluss noch unbekannt. „Wir brauchen endlich eine Leerstandssteuer“, schimpft einer der Teilnehmer und die Truppe zieht weiter.

Stadt ist machtlos

Gegenüber am Hauptbahnhof verfällt ein neunstöckiges Hochhaus – das ehemalige Ärztehaus. Hinter dem Hotel soll einer der Bonifatius-Türme zur Hälfte unbenutzt sein. Weiter in der Großen Langgasse reiht sich ein verlassenes Geschäft an das nächste. „Die hohen Ladenmieten ziehen immer wieder längerfristige Leerstände nach sich“, kommentiert die Stadt. Doch das Problem beschränkt sich nicht auf Mainz: Recherchen des britischen „Guardian“ zufolge stehen in der EU so viele Wohnungen leer, dass man alle Obdachlosen unterbringen könnte. Nur: Bei Immobilien in Privatbesitz ist die Politik machtlos. Solange von Gebäuden keine Gefahr ausgeht, kann die Stadt Privateigentümer nicht zum Handeln zwingen.

Historische Trinkhalle

Anders ist der Fall bei der leer stehenden Trinkhalle an der Lessingstraße: Eigentümer des Gebäudes ist das Finanzamt. Das Grundstück gehört der Stadt Mainz. Anfang vergangenen Jahres wurde ein Antrag auf die Übertragung der Trinkhalle an die Stadt gestellt. Der CDUStadtbezirksvorsitzender Karsten Lange hofft, dass dieses Verfahren „spätestens zum dritten Quartal beendet sein wird“. Er setzt sich für eine baldige Lösung ein und will für das Gebäude den „Status als Denkmal beantragen“. Die Geschichte der Trinkhallen reicht schließlich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Damals war Leitungswasser in Mainz ungenießbar. Nur Trinkhallen versorgten die Bürger mit sauberem Wasser. Heute ist das Gebäude an der Haltestelle Lessingstraße eines der letzten seiner Art in Mainz. Was aber genau daraus werden soll, ist unsicher. Es gibt viele Interessenten. Schon vor einigen Jahren gab es einen Ideenwettbewerb – und Gewinnerin Beate Schumann hatte Großes vor: „Statt Schnaps und Zigaretten könnte man einen Gemüseimbiss betreiben. Die Trinkhalle könnte natürlich auch als Teststandort für Start-ups dienen. So können junge Entwickler ausprobieren, wie ihre Ideen ankommen.“

Kommissbrotbäckerei

Auch für die Zukunft der Kommissbrotbäckerei gibt es einige Pläne. Die ehemalige Garnisonsbäckerei – errichtet 1902 – liegt an der stark befahrenen Rheinallee in Höhe der Moselstraße. Vor einem Jahr gründete sich die Initiative „Kulturbäckerei“. Ihre Mitglieder wollen aus dem Gebäude ein soziokulturelles Zentrum machen, einen Ort der Begegnung und „ein lebendiges, modernes, urbanes Quartier“. Aktuell sammeln sie noch „Ideen und Projekte“. Doch am Ende könnte dem Objekt ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Osteiner Hof: Büros und Wohnungen statt Kultur. „Es besteht durchaus Grund zur Sorge, dass ein dringend benötigtes soziokulturelles Zentrum für einen Stadtteil mit 27.000 Einwohnern aufgrund einer Wohnraumnutzung nicht mehr möglich wäre“, sagt Thorsten Lange, Kreisvorstandssprecher der Mainzer Grünen. Deshalb sei es wichtig, dass die Verwaltung eine „zügige Vorplanung zur Kommissbrotbäckerei“ erstelle, und dass für den Tag der Freigabe des Gebäudes ein „tragfähiges Konzept zur reinen soziokulturellen Nutzung“ ausgearbeitet werde.

Lösungsansatz

Eine Lösung, wie man Leerstände bekämpfen kann, sieht Nicola Diehl im Konzept der Zwischennutzung. Zusammen mit fünf Freunden gründete sie die Zwischennutzungs-Agentur „Schnittstelle5“ in Mainz. Ihre Vision ist es, dass Künstler und Kreative leer stehende Räume für kurze Zeit nutzen. Wie das genau funktioniert, erklärt sie im Interview.

sensor: Der Verein „Schnittstelle5“ setzt sich für die Zwischennutzung von leer stehenden Gebäuden ein. Ist Leerstand ein Problem in Mainz?   Nicola Diehl: Es gibt sicher andere Städte, die mehr Leerstand haben – zum Beispiel in Ostdeutschland. Aber wenn ich mir die immensen Mietpreise und den hohen Bedarf in Mainz ansehe, dann kann es nicht sein, dass so viele Gebäude leer stehen. Und das Problem wird sich noch verschärfen.

Inwiefern? Immer mehr Läden ziehen aus den Städten oder gehen Pleite. Die Leute kaufen eben verstärkt über das Internet. Deshalb braucht es neue Konzepte für innerstädtisches Leben. Die Innenstädte waren in den letzten Jahren immer ein Ort des Konsums. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass sie wieder ein Ort der Bürger werden.
Über die Zwischennutzung versucht ihr Leerstände zu bekämpfen und gleichzeitig Kulturschaffenden Räume zu geben. Wie funktioniert das? Wir haben jeden Mittwochabend ab 19 Uhr ein offenes Wohnzimmer in der Schnittstelle. Dort können die Leute ihren Bedarf an Räumen anmelden. Und dann schauen wir, wo es passende leerstehende Gebäude für sie gibt. Das meiste realisieren wir über die Wohnbau Mainz, der viele Immobilien in der Stadt gehören. Bei anderen leerstehenden Immobilien ist die größte Schwierigkeit, die Besitzer zu finden.
Warum? Die Stadt darf uns bei Privatbesitz den Eigentümer nicht verraten. Und Makler oder große Immobilienfirmen sind nur am Profit orientiert und mit einer Zwischennutzung lässt sich kaum Geld machen.
Lohnt sich eine Zwischennutzung denn für die Eigentümer? Durchaus. Denn durch die Nutzung hält der Zwischennutzer den Raum in Schuss. Unter Umständen streicht er, repariert kleine Dinge selbst und gestaltet seinen eigenen zwischengenutzten Laden oder sein Büro optisch ansprechend. Bei einem Leerstand kleben schnell Plakate an den Fensterscheiben, das passiert bei einer Zwischennutzung nicht. Und wenn sich die Idee des Zwischennutzers durchsetzt, kann er langfristig vielleicht sogar eine höhere Miete finanzieren. Außerdem wird dadurch die Aufmerksamkeit auf einen Leerstand gelenkt, so dass sich möglicherweise schneller neue Mieter finden. Zwischennutzung bringt allen Seiten etwas: Der Zwischennutzer kann sich ausprobieren und präsentieren und zahlt eine geringe Miete. Der Eigentümer hat kleine Mieteinnahmen und jemanden, der sich um seine Immobilie kümmert. Und nicht zuletzt profitiert die Stadt von der Belebung vormals leerer, toter Orte. Zwischennutzungen beleben Viertel, inspirieren andere Menschen, kulturelle Projekte oder Gründungsideen umzusetzen und schaffen Freiräume für die Stadtgesellschaft. Und so für ein lebendiges Mainz.
www.schnittstelle-mainz.de