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Langsam angekommen: Migranten in Mainz

19 Quadratmeter im neunten Stock eines Hochhauses in der Oberstadt. Ein flaches Doppelbett füllt den halben Raum. Daneben steht ein kleiner Tisch mit Tee und Keksen. Im Fernseher läuft eine Zeichentrickserie: „Das hilft uns, Deutsch zu lernen“, sagt Nuur mit Blick auf den Bildschirm. Der 27-Jährige wohnt hier seit einem Jahr mit Frau Nasteha, 25, und Tochter Nasra, 4, die wie er aus Somalia geflohen sind. Somalia gehört laut Deutschem Aufenthaltsgesetz zu den Herkunftsländern mit „Bleibeperspektive“ in Deutschland. Anders als bei Flüchtlingen aus sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ wird bei Somaliern wie Nuur von einem dauerhaften Aufenthalt ausgegangen. „Deutschland ist unsere neue Heimat“, bedeutet das für ihn.

Flucht vor dem Terror

Wie etwa 70.000 weitere Menschen in Rheinland-Pfalz hat Nuur eine lange Reise hinter sich: Bis 2012 hat er in Mogadischu als Journalist gearbeitet, ein gefährlicher Job in der umkämpften Hauptstadt. „Die al-Shabaab mögen uns Journalisten nicht“, sagt er bitter. Zweimal war er selbst Zeuge eines Anschlags. Bei einem ist einer seiner Kollegen ums Leben gekommen. Beim jüngsten Anschlag im Oktober wurde ein weiterer Kollege getötet. Nuur zeigt Fotos von ihm bei der Arbeit. Er interviewt einen Obdachlosen, moderiert eine Konferenz, begleitet Demonstranten. Auf einem Foto ist er vor dem Safari-Hotel zu sehen, ebendort wo im Oktober über 350 Menschen ums Leben kamen. Somalia zu verlassen, darauf pochte vor vier Jahren vor allem Nasteha. „Es war zu gefährlich für ihn“, erinnert sie sich. Das war am 19. Oktober 2012. Sie selbst ist zu diesem Zeitpunkt schwanger, doch seine Tochter wird Nuur erst Jahre später kennenlernen. Mit der Unterstützung seiner Familie gelingt ihm die Reise nach Deutschland: zunächst mit dem Flugzeug in den Sudan. Dann für viel Geld mit einer Gruppe Schmuggler durch die Sahara nach Libyen. Dort auf eins der gefürchteten Boote, um nach Italien überzusetzen. Zehn Menschen ertrinken. Mithilfe der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ wird Nuur schließlich nach Gießen gebracht.

Ankunft mit Hürden

Er kommt mit der großen Flüchtlingswelle, zu einem Zeitpunkt als viele Zuständigkeiten noch ungeklärt und die Behörden überfordert sind. Von Gießen schickt man ihn nach Trier, dann nach Niederzissen in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Doch dort gibt es weder einen Platz im Sprachkurs noch Jobperspektiven. Orientierungshilfe bietet zunächst das Jobcenter, das ihn nach Mainz vermittelt. Hier findet Nuur zu „Save Me“, einer lokalen Initiative, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Seine Ankunft nimmt Form an: Bei Save Me lernt er Lucia kennen, die ihm mit Formularen, Rechnungen, und bei der Wohnungssuche hilft. Mit ihr und der Caritas organisiert er den Flug für seine Familie. „Ich war überglücklich, als ich meine Tochter zum ersten Mal sehen durfte.“ An diesen Moment erinnert ein rotes Plüschherz, das neben dem Fernseher thront. „Damit hat er uns vor einem Jahr am Flughafen abgeholt“, lächelt Nasteha.

Neues Konzept

Der Zustrom hat sich seit letztem Jahr stark reduziert. Die Zuständigkeit ist vom Bund auf die Kommunen verlagert worden, mit dem Ziel, bei der Integration auf lokale Ressourcen zurückzugreifen. In zehn Mainzer Flüchtlingsunterkünften wohnen derzeit 1.610 Personen, davon sind etwa ein Drittel Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Weitere 40 Prozent sind junge Erwachsene zwischen 18 und 29. Erst kürzlich wurde ein neues Integrationskonzept vorgestellt. Konkret bedeutet das mehr Wohnraum, Kitaplätze, Sprach- und Integrationskurse. Besonders für junge Erwachsene soll das Bildungsangebot verbessert werden. Bewährt haben sich Sozialarbeiter an Schulen sowie Bildungs- und Erziehungspatenschaften. Die Stadt hat auf ihrer Website eine zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge und Ehrenamtler eingerichtet. Vieles passiert in dieser Richtung, doch viel Potenzial ist auch noch ungenutzt. Daran soll das Konzept etwas ändern, besonders das Ehrenamt und Patenschaften spielen dabei eine zentrale Rolle.

Ausblick

Nuur fängt im Januar mit seinem B2-Deutschkurs an. Als Journalist wird er hier aufgrund der Sprachbarriere vorerst nicht arbeiten können, doch im Medienbetrieb würde er gerne bleiben, als Informatiker vielleicht. Nasteha hingegen möchte im sozialen Bereich Fuß fassen. „Mit Kindern oder alten Leuten arbeiten, das kann ich mir gut vorstellen.“ In wenigen Wochen ziehen die drei in eine größere Wohnung in Weisenau. Nasra soll endlich ihr eigenes Zimmer bekommen. Was derweil mit ihrem Heimatland geschieht, macht die Familie traurig. Seine Erlebnisse in Deutschland hat Nuur in einem Artikel niedergeschrieben, „Was wir von Deutschland lernen können“ lautet der Titel. Darin beschreibt er auf Somali wie er hier aufgenommen wurde. Er schreibt über das Gesundheitssystem, die Wirtschaft, und die Möglichkeiten für junge Menschen. „Wenn Somalia ein bisschen mehr wäre wie Deutschland, ginge es den Menschen besser. Euer einziges Problem ist das Wetter“.

Text Ida Schelenz Fotos Domenic Driessen

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