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Kinderreich in Zeiten von Corona: viele Probleme – wenig Unterstützung

Die aktuellen Kita-Einschränkungen sind so massiv, dass vielen Familien bei Weitem noch nicht ausreichend geholfen ist. Vor allem Alleinerziehende, berufstätige kinderreiche und getrennt lebende Eltern werden durch die sehr reduzierten und unterschiedlichen Betreuungszeiten ihrer Kinder vermehrt in prekäre Lagen gedrängt.
Für Betreuungsnotlagen sollen im „eingeschränkten Regelbetrieb“ je nach Kapazitäten der Kitas zusätzliche Notfallbetreuung angeboten werden, die auch oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Der Verband Kinderreicher Familien RLP sieht hier dringend Handlungsbedarf.

Kinderreiche Familien haben in ihrem normalen Alltag ganz andere Herausforderungen zu bewältigen als Ein- oder Zweikindfamilien. Mehr Personen bedeuten mehr Wäsche, mehr Geschirr, mehr Einkäufe usw., so dass die tägliche Hausarbeit schon in „normalen“ Zeiten deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als bei Kleinfamilien. Jedes Kind benötigt Zeit exklusiver Aufmerksamkeit durch die Eltern, hat unterschiedliche Hobbies, zu denen es gebracht werden muss oder für die es üben möchte. Schulaufgaben müssen für verschiedene Klassenstufen begleitet werden, Kleinkinder bedürfen einer noch intensiveren altersentsprechenden Fürsorge. Was im Einzelfall nicht viel klingt, summiert sich schnell zu mehreren Stunden täglich, so dass eine Vollzeiterwerbstätigkeit beider Elternteile kaum möglich ist. Carearbeit zählt hier nicht als gleichwertige Arbeit. Auch haben Großfamilien häufiger weniger Unterstützung durch Dritte, obwohl sie diese noch mehr als Kleinfamilien bräuchten. Die Großeltern- wenn es denn welche in der Nähe gibt- trauen sich oftmals nur zu, die ein oder zwei größeren Kinder zu betreuen. Babysitter für drei oder mehr Kinder sind schwer zu finden und kostenintensiv. Gegenseitige Betreuungsmodelle mit anderen Eltern funktionieren ebenfalls in der Regel mit mehreren Kindern verschiedenen Alters nicht mehr. Auszeiten oder Paarzeit der Eltern gibt es kaum. Eine oftmals beengte Wohnsituation (mehrere Kinder teilen sich ein Zimmer, Arbeits-, Eltern-/Wohnzimmer sind nicht getrennt etc.) verschärft die Belastung in den Großfamilien schon ohne Pandemie.

Durch den Wegfall der Schule und Kita in der Coronazeit kamen zusätzlich noch Beschulung (ggfs. verschiedener Klassenstufen) und die Vollzeitbetreuung der Kleinkinder hinzu. An eine tägliche Erwerbstätigkeit – selbst im Homeoffice – war hier für mindesten ein Elternteil kaum noch zu denken. Durch die stark reduzierten Betreuungszeiten in der „eingeschränkten Regelbetreuung“ steigt nun der organisatorische Aufwand zusätzlich an. So haben viele Familien damit zu kämpfen, dass die Kinder nicht zu gleichen Zeiten in der Betreuung sind, da nur ein abgespecktes Stundenkontingent je Kind zur Verfügung steht, das selbst in der gleichen Einrichtung ggfs. nicht zeitgleich liegt. Bei verschiedenen Schulen, Tagesmüttern, Kindergärten und Kitas liegen die Zeitfenster gar nicht mehr übereinander, so dass eine Erwerbstätigkeit immer noch nicht möglich ist – auch nicht in Teilzeit. Die Carearbeit bindet bei kinderreichen Eltern durch die Coronazeit so viel Kräfte und Zeit, dass sie (vor allem die Mütter) ihre Erwerbstätigkeit und berufliche Weiterentwicklung massiv weiter einschränken müssen. Hinzu kommt im Einzelfall: Die geplante Rückkehr in den Beruf nach einer Elternzeit ist vielfach nicht möglich, da Eingewöhnungen zur Zeit kaum stattfinden können. Das Elterngeld fällt weg, eingeplantes Einkommen bleibt aus, was einen kinderreichen Haushalt aufgrund der Mehrausgaben besonders belastet.

Kinderreiche Familien leisten überproportional essentielle Arbeit für die gesamte Gesellschaft, verzichten gleichzeitig auf Einkommen, Rentenansprüche und berufliche Weiterentwicklung  – eine Problematik, die durch die Coronazeit verstärkt wurde und immer noch wird.

Kinderreiche Familien sind nach den Alleinerziehenden die am stärksten armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe. Ausreichend Kitabetreuungssettings sind daher auch ohne Corona extrem wichtig für diese Familiengruppen, umso mehr aber in Krisenzeiten. „Double-income-one-Kid“- Familien können doppelt VOLL berufstätig sein, weil sie weniger Carearbeit zu leisten haben. Dadurch aber, dass voll Berufstätigen laut Stufenplan der Kitaöffnung in RLP eine Notfallbetreuung zusteht und kinderreichen „Teilzeit-“ Berufstätigen nicht, werden soziale Ungerechtigkeiten und das „Abghängtwerden“ weiter verstärkt.

Daher plädiert der Verband dafür die Kriterien für die Notbetreuung um „Kinderreich und doppelt erwerbstätig“ zu ergänzen! Kinderreichen Familien muss der Zugang zur Notbetreuung auch bei „Teilzeit“ ermöglicht werden (analog den Alleinerziehenden), um sicherzustellen, dass die Eltern ihre Erwerbstätigkeit nicht aufgeben müssen. Bei einer Priorisierung der Kriterien sollte „doppelte volle Berufstätigkeit“ hinter „Alleinerziehend“, „Kinderreich“ und „kindbezogene Gründe“ stehen

Da durch die Corona-Vorschriften (Gruppengröße, räumliche Trennung, Hygienekatalog…) die Betreuungskapazität so verknappt wurde, können schon jetzt nicht für alle Berechtigten ausreichend „Notfallbetreuung“ angeboten werden. Deshalb und aufgrund der sinkenden Infektionszahlen sollte schnellstmöglich der Notfallbetrieb Richtung Regelbetrieb ausgeweitet werden. Die Entscheidung, wer nun den „größten“ und „dringendsten“ Betreuungs-Bedarf hat, führt im Einzelfall zu einem überkomplexen Abwägungsprozess. Diese Entscheidung kann eine Kitaleitung – weder zeitlich noch moralisch – übernehmen.

Wir fordern deshalb als Verband Kinderreicher Familien RLP e.V. eine schnellstmögliche weitere Öffnung der Kitas bis zu den Sommerferien. Diese Perspektivlosigkeit in der Betreuungsfrage darf nicht länger auf den Schultern von Familien ausgetragen werden. Prekäre Lebenslagen, soziale Ungerechtigkeit und Chancenungleichheit dürfen sich nicht weiter verschärfen!

Verfasst für den Landesverband Kinderreicher Familien Rheinland-Pfalz von Barbara Lausmann und Lisa Vogel (zwei kinderreiche Mütter aus Mainz)

 

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