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Kennen Sie Ihre Nachbarn? – Eine sensor Nachbarschafts-Aktion zum Mitmachen

Wer wohnt eigentlich um mich herum? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich vor zwei Jahren in die Altstadt gezogen bin. Meine Nachbarn aus dem Haus kenne ich inzwischen, doch wer zum Beispiel ist die ältere Frau im Haus gegenüber, die mein Tun über die Straße hinweg verstohlen beobachtet?

Wer gehört zu der sympathischen WG im Hinterhaus, deren Bewohner im Winter oft bis weit in die Nacht und manchmal bis zu meinem Morgenkaffee in der Gemeinschaftsküche sitzen und im Sommer im Hof Leinwände bemalen und an ihren Fahr- und Motorrädern werkeln? Im Frühling fragte ich mich, was aus dem Paar geworden ist, das im letzten Sommer fast jeden Abend auf dem Balkon heftig gestikulierend stritt, was ich mit voyeuristischem Genuss beobachtete. Inzwischen sind die beiden ausgezogen und die neuen Mieter stehen auf dem Balkon: zwei junge Männer, meistens nackt …

Wer sind meine Nachbarn?

Man macht sich so seine Gedanken über die Nachbarn, in deren Leben man durchaus intime Einblicke haben kann oder neben denen man vielleicht seit Jahren wohnt, ohne dass man je mit ihnen gesprochen hat. Zwar muss man das auch nicht unbedingt – manche genießen diese (oftmals verrufene, aber durchaus von einigen Stadtbewohnern gewünschte) urbane Anonymität und sind froh, wenn sie unbehelligt ihr Leben leben können – allerdings möchte man ja vielleicht gerne den einen oder anderen sympathischen Nachbarn kennenlernen, weiß aber nicht, wie.

So ganz ohne nachbarschaftlichen Kontakt geht es in der Regel nicht: Da findet man diese unbeliebte Post-Benachrichtigungskarte mit dem Namen eines Nachbarn, der das Paket netterweise angenommen hat, man klingelt an der Wohnungstür, mehr als ein „Dankeschön“ und „Gerne“ tauscht man allerdings kaum aus. Man wünscht sich einen hilfsbereiten Nachbarn für das Pflanzengießen während des Urlaubs, und man weiß von dem Mann aus dem ersten Stock, der alleine lebt und wegen einer schweren Erkrankung die Treppenstufen nicht überwinden kann; er sitzt seit Wochen isoliert in seiner Wohnung und würde sich vielleicht über einen kurzen Besuch und ein Stück Kuchen freuen.

Nachbarschaftshilfe gewährt man sich in der Regel unentgeltlich, und sie basiert auf – sehr wichtig! – Freiwilligkeit, Gegenseitigkeit und Diskretion. Sie kann in Notlagen und Krisen unterstützen, zur sozialen Vernetzung beitragen und der Vereinsamung entgegenwirken. Gründe, sich um eine gute Nachbarschaft zu bemühen, gibt es zahlreiche: Wer kann mit Mehl aushelfen? Wer verleiht einen Gartenhäcksler oder eine Bohrmaschine, wer kann Computerprobleme lösen, wer zeigt mir, wie man Strümpfe strickt, wer ruft im Notfall den Arzt usw.? Im Vorteil ist, wer hilfsbereite Menschen in seiner Nähe weiß.

Nachbarschaftspflege

Was also kann man tun, um seine Nachbarn (besser) kennenzulernen? Zunächst gibt es die Initiative „Das Fest der Nachbarn“, das in diesem Jahr am 19. Mai gefeiert wurde. In Selbstorganisation trifft man seine Nachbarn zu einem Plausch, Umtrunk, Essen und mehr. Eine weitere Idee ist die Nutzung von Internet-Plattformen wie wirnachbarn.com oder nebenan.de, die die Nachbarschaft miteinander vernetzen möchten. Nach der Registrierung ist eine Kontaktaufnahme mit den ebenfalls registrierten Nachbarn über Online-Pinnwände möglich. Auch kann man per Handzettel zu einem regelmäßigen Stammtisch in die Kneipe um die Ecke, in die leerstehende Garage im Hinterhof oder in die eigenen Wohnungen einladen („jeden ersten Mittwoch im Monat“). Welchen Weg Sie auch wählen: Geben Sie der Idee – und sich – eine Chance, Ihre Nachbarn kennenzulernen, werden Sie aktiv und folgen Sie, frei nach sensors Motto „Fühle Deine Stadt“.

sensor Aufruf: My hood* is your hood!

Organisieren Sie ein Nachbarschaftstreffen in entspannter Runde, legen Sie (alleine oder mit anderen Interessierten) Termin und Ort fest (es gibt sicherlich einen Hinterhof, Garten, Park… in Ihrer Nähe), werfen Sie die Handzettel in die Briefkästen der Nachbarn oder befestigen Sie sie an einer häufig frequentierten Stelle und freuen Sie sich auf das Treffen!

Mustertext  „My hood is your hood“ Einladung zum Nachbarschaftstreffen

Die Bewohner der Lindenstraße 1 bis 100 treffen sich am Samstag, 2. September 2017 ab 17 Uhr auf dem Lindenplatz. Jeder bringt seine eigene Sitzgelegenheit (Klappstuhl, Hocker, Decke…), Glas, Besteck, Geschirr, vielleicht einen Tisch und etwas zu trinken und zu essen mit.

Wir freuen uns über Erfahrungsberichte, Anekdoten und Fotos und werden eine Auswahl in einer der nächsten Ausgaben vorstellen. Einsendungen gerne per Mail an hallo@ sensor-magazin.de oder unsere Postadresse siehe Seite 3. Also worauf warten Sie noch? Holen Sie Ihren Kalender heraus und schauen Sie nach einem Termin. Erfahren Sie endlich, wer sich hinter der älteren Frau im Haus gegenüber, der sympathischen WG im Hinterhaus oder dem Paar vom Balkon verbirgt. Ran an die Nachbarn!

*hood = aus dem Englischen für neighbourhood: Nachbarschaft, Gegend, Viertel

von Michaela Palzer
Illustration: Lisa Lorenz

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