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Juli Kolumne: Dr. Treznok im Kaufrausch


Die Idee, eine Flasche Ketchup zu kaufen, führt mich in den Supermarkt. Dort finde ich rasch das richtige Regal, aber das Angebot verwirrt mich. Viele unterschiedliche Marken in diversen Verpackungseinheiten stehen zur Auswahl, ich kann wählen zwischen Plastik- und Glasflaschen, Bio und Fairtrade, außerdem gibt es noch Curry- und Gewürzketchup sowie spezielle Feinkost-Varianten. Da mein Ketchup-Verbrauch sehr niedrig ist, bin ich im Ketchup-Kauf ziemlich unerfahren.

Überfordert von der Auswahl flüchte ich mich in einen anderen Teil des Regals in der Hoffnung, eine Alternative zu finden.
„Mit Weißwein verfeinert“ lese ich auf einer anderen Soßenflasche. Ich finde Wein abstoßend, in meiner Vorstellung ist diese Soße nicht verfeinert, sondern ruiniert worden. Als Ersatz für Ketchup taugt sie so oder so nicht, also wende ich mich wieder der Ketchup-Auswahl zu. Zum Glück ist jeweils der Literpreis angegeben, so dass ich schnell die Preise vergleichen kann, ohne erst Unmengen von Dreisatz-Rechnungen lösen zu müssen. Aber ist denn das billigste Ketchup schlechter als die teuren Marken? Ich beginne, die Inhaltsangaben auf den Flaschen zu lesen, gebe aber bald wieder auf. Zu klein ist die Schrift, zu viel Text will verarbeitet werden.
Ich will mich endlich entscheiden und schwanke zwischen zwei Marken der mittleren Preisklasse. Nun kann ich wählen zwischen einer Glasflasche der einen und einer Plastikflasche der anderen Marke. Welche ist handlicher, welche passt besser in den Kühlschrank, welche ist ökologischer? Welche Marke ist politisch korrekt? Fragen über Fragen, die meine Fortschritte beim Ketchup-Kauf verhindern. Also verschiebe ich die Entscheidung auf später und schaue mich weiter im Supermarkt um.
Milch könnte ich noch brauchen, und normalerweise habe ich kein Problem damit, Milch zu kaufen, weil ich einfach die billigste mit normalem Fettgehalt nehme. Das Ketchup-Studium hat mich aber derart verwirrt, dass ich nun auch anfange, das riesige Milch-Sortiment zu studieren. Unter anderem entdecke ich eine Marke, die fast doppelt so viel kostet, weil es Milch aus der Region ist. Das finde ich seltsam, weil durch die kürzeren Transportwege die Milch doch eigentlich billiger und nicht teurer werden müsste. Es gibt laktosefreie Milch, aber ich weiß gar nicht, was Laktose überhaupt ist. Vielleicht brauche ich ja besonders viel Laktose, so wie andere Leute Soße mit Weißwein brauchen. Außerdem gibt es Bärenmarke-Milch, wobei ich schon als Kind nicht verstanden habe, was Bären mit Milch zu tun haben sollen.
Wie schön war es doch in der DDR, zumindest wenn man Milch kaufen wollte. Es gab einfach nur Milch – keine fettarme Milch, keine Bio-Milch und keine Fairtrade-Milch, noch nicht einmal Vollmilch. Aber die DDR ist Geschichte, ich packe zwei Tetrapacks meiner üblichen Milch in den Korb und fühle mich nun stark genug für die Ketchup-Entscheidung. Ich nehme einfach die kleinste Flasche, sie ist aus rotem Plastik und passt wunderbar in den roten Einkaufskorb. Auf dem Weg zur Kasse komme ich noch an vielen anderen Waren vorbei.
Bemerkenswert finde ich diesen Text, den ich auf einer kleinen Pappschachtel mit Schnürsenkeln gelesen habe: „Durch umweltfreundliche Verpackung versuchen wir unseren Beitrag zur Erhaltung der Natur zu leisten“. Warum Schnürsenkel überhaupt verpackt werden, scheint sich niemand zu fragen. Und wessen Natur erhalten werden soll ist auch unklar. Ist eine kleine Plastikflasche mit Ketchup nicht auch Natur, sogar dann, wenn „bio“ draufsteht?

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