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Irgendwo dazwischen – Mehrere Kulturelle Zwischennutzungen in Mainz

Wer das Schaufenster der Großen Bleiche 1 am Münsterplatz passiert, kann dahinter eine gemütliche Mischung aus Kunstgalerie und öffentlichem Wohnzimmer ausmachen. Zeichnungen, Fotografien, Malerei und jede Menge Menschen beleben seit September sowohl den Raum neben der Wurstbraterei im Erdgeschoss als auch die deutlich größere erste Etage. Ermöglicht wurde die Zwischennutzung durch den Verein Schnittstelle5 – Raum für Stadtentwicklung und urbane Projekte, der schon seit einigen Jahren in ehrenamtlicher Arbeit Leerstände in der Stadt an Interessenten vermittelt.

Schnittstelle

„Wir wollen Leerstände nutzbar machen“, erklärt Gründungsmitglied Nicola Diehl. Die Große Bleiche 1, deren Arbeitstitel „GB1“ sich schnell etabliert hatte, gehört der Stadt. Diese hatte es zuvor einer Wiesbadener Immobilienfirma abgekauft und vermietet es nun über die Wohnbau an die Schnittstelle. Irgendwann später sei eine Aufwertung des gesamten Areals geplant, im Zuge der Sanierung der Bleiche. Nach Malern, Zeichnern, Fotografen, Seenotrettern und Tischtennisspielern dient der erste Stock aktuell als Atelier für ein Filmprojekt; im Erdgeschoss ist eine Ausstellung über Surfkultur zu sehen. „Ateliers sind in Mainz knapp, daher wenden sich vor allem Künstler oft an uns“, erzählt Nicola. Allerdings legen sie Wert darauf, die Räume nicht primär kommerziell zu nutzen. Alle Veranstaltungen sind ohne oder gegen einen geringen Eintritt zugänglich. Auch werden in der Regel keine Waren verkauft.

Karstadt

Doch nicht nur die freie Szene macht es sich in Leerständen gemütlich. Erst kürzlich wurde Teilen des Karstadt-Gebäudes auf der Ludwigsstraße neues Leben eingehaucht: Das Staatstheater nutzt derzeit die alten Räume, vor vielen Jahren Musik- und Spielwarenabteilung. Im Erdgeschoss ist seit einigen Monaten ein Proberaum eingerichtet. Auch im ersten Obergeschoss und dem ehemaligen Karstadt-Restaurant im Pavillon wird geprobt. Im dritten Stock gibt es Lagerflächen und der ehemalige kleine Handyladen neben dem Haupteingang wird zur Abendkasse umfunktioniert. Als erstes Stück feiert am 14. Februar „In Memoriam Anna Politkowskaja“ Premiere in der „Filiale“. Es ist die Geschichte einer russischen Journalistin, die für ihre Aufklärungsarbeit während des Tschetschenienkrieges gewaltsam verfolgt wurde. Intendant Marcus Müller freut sich nicht nur über den gewonnenen Probe- und Lagerraum, sondern ist besonders vom „Kaufhaus-Charme“ vergangener Tage entzückt. Dieser soll bewusst erhalten bleiben, inklusive Rolltreppen, Türen und Schildern. Eigentümer des Gebäudes ist die RNI GmbH, ein Zusammenschluss von J. Molitor Immobilien und der Sparkasse Rhein-Nahe, der auch der Rest des Karstadt-Komplexes und die Immobilie der Deutschen Bank bis aufwärts Schillerplatz gehören.

Studenten und Erinnerung

Ein weiterer Pavillon auf der Ludwigsstraße wird seit Januar von der Hochschule genutzt. Im ehemaligen Foto Oehling Höhe Schillerplatz werden schon bald Konzerte und Ausstellungen stattfinden. Auch die Kunsthochschule freut sich über Räume in der Innenstadt: Seit etwa einem Jahr wird die ehemalige Apotheke in der Umbach / Ecke Große Bleiche mit wechselnden Ausstellungen bespielt. Nicht weniger prominent liegt das „Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz“, das seit April 2018 ins Schaufenster vor dem Allianzhaus (schon schön) eingezogen ist. Es dokumentiert die Verbrechen des Nationalsozialismus in Ausstellungen und Veranstaltungen. Als lebendige Stätte der Begegnung steht sie Schulklassen, Gruppen und Einzelpersonen offen.

Kulturbäckerei fiebert mit

Noch etwas Geduld dagegen brauchen die Bürger der Neustadt, die mit der „Kulturbäckerei“ ein soziokulturelles Zentrum in der ehemaligen Kommissbrotbäckerei erwarten könnte. Die Wohnbau Mainz erwirbt die Top-Immobilie für 50 Mio. vom Bund und plant Kultur und mehr als 100 Wohnungen. Wie im Januar bekanntgegeben, wird das Land den Verein Kulturbäckerei bei der Erstellung eins entsprechenden Konzepts mit 20.000 Euro unterstützen: „Die Neustadt geht mit großen Schritten auf die 30.000-Einwohner-Marke zu – da braucht es dringend neben dem Neustadtzentrum ein zweites Stadtteilzentrum“, sagt Ortsvorsteher Johannes Klomann (SPD). Die Nutzung beginnt allerdings frühestens im Herbst 2023. Schneller könnte es im Alten Postlager hinter dem Hauptbahnhof gehen. Die sich auch im Besitz von Molitor befindliche Immobilie schreit förmlich nach einer Zwischennutzung. Seit ein paar Monaten dürfen sich hier ein paar Skater austoben. Zwei Partys haben bereits im Rahmen einer Sondergenehmigung stattgefunden. Falls die Stadt resp. das Bauamt zustimmt, könnte die Mainzer hier auch eine Markthalle erwarten. Entsprechende Anträge laufen.

Ida Schelenz