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In Bretzenheim blökt es sich (noch) gut


von Monica Berge
Fotos: Elisa Biscotti

Vierzehn kleine Lämmer flitzen um die Wette, das jüngste gerade mal eine Woche alt. Den Mutterschafen ist das egal, sie stehen träge beisammen und fressen Heu. Weiter oben wachen die gedrungenen grobstolligen Römersteine mit der gewichtigen Seniorität eines historischen Denkmals über das Geschehen.
Auf dem lange sich selbst überlassenen Grüngürtel unterhalb des Hildegardis-Krankenhauses weiden die Schafe seit gut zwölf Jahren – sie gehören Günter Dorn, dem Römersteinhirten. Er kümmert sich, rupft Unkraut, stutzt im Sommer Brennnesselbüsche mit der Sense, hängt Tüten für Hundehinterlassenschaften auf und sammelt leider immer noch zu viele ein.

Geschichtsträchtiges Gerangel
Schon seit dem 13. Jahrhundert wurde das Gelände vom ehemaligen Kloster Dalheim zur Schafhaltung genutzt. Ließen die weniger begüterten Zahlbacher und Bretzenheimer Bürger ihre Tiere dort heimlich weiden, endete das meist mit handfesten Streitereien. Heute gehört die Wiese der Stadt Mainz. Pacht zahlt Dorn keine, ein Vertrag existiert nicht, er ist geduldet. Probleme kommen daher immer wieder mal auf: 2005 plante die Stadt auf dem Gelände einen Naturschaugarten – er hätte die Schafhaltung ausgeschlossen – konnte jedoch abgewendet werden. Das erste Federlassen folgte 2007: ein neu errichtetes Seniorenwohnheim schluckte reichlich Boden und Bäume. 2010 plante die jüdische Gemeinde hier zudem die Erweiterung des jüdischen Friedhofs. Dorn wehrte sich, sammelte Unterschriften und gründete Mitte 2011 den Verein Lebendiges Denkmal Römersteine e.V. „Es geht nicht um meine Herde. Es ist das Gebiet, das den Menschen als solches erhalten bleiben muss.“ Ob Kleinkind, Rentner oder Klinikbesucher, sie alle kennen ihren Hirten und schätzen die grüne Oase samt Schafen als Naherholungsgebiet. Die Entscheidung über die Wiese aber steht noch aus.

Die Herde zieht mit
Von seinen rund dreißig erwachsenen Tieren kann Günter Dorn nicht leben – muss er auch nicht. „Ich bin ja kein Schäfer, das ist ein Ausbildungsberuf“, betont er seinen Status als Hirte. Hauptberuflich war Dorn lange Jahre Fluglotse, zunächst in Stuttgart, dann in Langen. Die Schafe hütete er bereits damals als Gegenpol zu seinem stressigen Berufsleben. Als er 1987 den kleinen Hof seines Vaters nahe Kempten erbte, weideten Schafe der Nachbarin ringsherum. Später übernahm er aus Gefälligkeit einen Teil ihrer Herde. Doch selbst heute noch ist Dorn neben dem Hirtendasein hin und wieder freiberuflich tätig in der Lotsenausbildung.
Am meisten liebt der über 60-Jährige die Arbeit in der Natur. Sein Gesicht ist wettergegerbt und die Hände können zupacken. „So viele Winterlämmer waren nicht geplant“, Dorn überblickt mit seinen Bergsee-blauen Augen den wilden Kindergarten. „Ein paar Böcke sind mir letzten Sommer ausgebüchst und waren auf Freiersfüßen unterwegs.“ Er lacht und gräbt die Hände tiefer in die Tasche seiner dicken Jacke. Es ist kalt. Den alten Tieren, manche sind bereits 15 Jahre alt, macht das nichts aus. Aber der Lämmer wegen kommen alle Schafe über Nacht in den Unterstand. Mitte Juni, nach der Schafskälte, werden sie geschoren.

Hobby mit Verantwortung
Es gilt: „Die Herde darf nicht zu groß werden. Akzeptiere ich Lämmer, bleiben Schlachtungen nicht aus.“ Diese Entscheidungen fallen mitunter schwer, doch Dorn ist damit groß geworden. Seine „Primitivlandwirtschaft“ ist einfach und ursprünglich. In einem der drei rudimentären Unterstände lagert das Futter. Zehn Euro kostet ein Ballen Heu, fast doppelt so viel wie letzten Winter. Täglich braucht er zwei. Dazu noch Kraftfutter, Mais, Hafer und Karotten. Würde sein Verein ihn dieses Jahr nicht finanziell unterstützen, er müsste seine Herde reduzieren.
Sissi hatte letzte Woche eine schwere Kolik. „Vielleicht war es das über den Zaun geschmissene Brot“, mutmaßt der Hirte. Zwei Tage Intensivpflege mit Fencheltee und Blähtropfen brachten das Schaf wieder auf die Beine. Auf diese Weise hat er schon Tiere verloren.
Wäh rend er die Umhegung zur Unteren Zahlbacher Straße hin überprüft, laufen die gefräßigen Wollknäuel schon wieder Richtung Zaun. Sie fressen alles, was ihnen vor die Hufe geworfen wird. Vielleicht hängt er bald ein Bitte-nicht-Füttern-Schild auf. In seinen Gesten schwingt etwas Raues mit, etwas, das an wilde Berglandschaft und Freiheit erinnert. Und an Träume, die der Mensch braucht. Die hat auch Günter Dorn noch: ein alter Schäferwagen mit Pritsche und kleinem Ofen, das wäre was! – auch wenn er eigentlich ganz in der Nähe wohnt.