
Foto & Text: Gero von TotalVerbuggt (Instagram: @totalverbuggt_der_gamer_talk) Ein Kommentar und Rückblick zu Weihnachten. Erinnerungen – und die Frage, wo unser Zauber geblieben ist. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Damals hieß ,Smyths‘ noch ,Toys „R“ Us‘, und mein Vater nahm mich 1992 als kleiner Knirps mit. Hinter einer Glasvitrine stand er: der ,Super Nintendo‘. Verschlossen, fast heilig. Darauf abgebildet das Spiel, das meine nächsten Jahre prägen sollte – ,Super Mario World‘. ,Mario‘ auf ,Yoshi‘, eine bunte Welt voller Abenteuer.
Mein Vater gab jemandem Bescheid und dann wurde die Vitrine geöffnet. Wer mag, hört jetzt die Musik, wenn ,Link‘ eine Schatztruhe öffnet. Unvergesslich.
Der Karton war riesig. Viel Verpackung, viel Kabel, Stecker, die ich noch nie gesehen habe und, ich glaube, mein Vater auch nicht. Aber wir haben es geschafft. So schwer war es dann doch nicht. Ob wir die Anleitung studiert haben, weiß ich nicht mehr, aber was ich noch weiß war das: Der Moment, in dem ich die ,Cartridge‘ mit einem Click in die Konsole schob, und das „Bling“ der Titelmelodie ertönte – das war pure Magie.
Das SNES (Super Nintendo Entertainment System) erschien am 15. August 1992 in Deutschland. Für mich ist er trotzdem untrennbar mit Weihnachten verbunden. Wahrscheinlich, weil er mich durch die kompletten Wintermonate begleitet hat. ,Super Mario Kart‘ kam im Januar 1993 – und weil der Winter bis März dauerte, wurde es für meinen Vater und mich zu einer Art virtuellem Schlittenfahren. Es war eine Zeit, in der ich nicht schaute, welche Spiele als nächstes rauskommen würden und meine Spiele mussten auch keinen ,Day 1 Patch‘ bekommen. Sie funktionierten einfach aus der Box heraus. Und ich war voll im Moment.
Und heute?
Heute ist der durchschnittliche Gamer in Deutschland 39 Jahre alt. Und ich wette: Genau diese Kernerinnerung teilen viele. Die erste eigene Konsole. Die ersten Welten, die man entdeckt. Die Musik, die man nie wieder vergisst.
Gleichzeitig verändert sich die Branche. ,Ubisoft UK‘ brachte es kürzlich nüchtern auf den Punkt:
„People are playing fewer games and new releases are struggling.“
Warum? Ein Blick auf die Gedanken aus der ,Reddit Community‘ liefert ein paar Antworten:
1. Geld sitzt nicht mehr locker. Inflation und steigende Kosten bremsen Konsum.
2. Die Backlogs sind explodiert. Wir besitzen mehr Spiele, als wir jemals durchspielen können.
3. Games sind ein Jahr später schlicht besser. Gepatcht, optimiert und günstiger.
4. Hardware-Anforderungen steigen schneller als die Budgets. Neue Spiele verlangen, was viele PCs nicht mehr leisten.
5. Der Zugriff auf Jahrzehnte alter Inhalte verändert Konsum. Wie bei Musik und Serien greifen viele lieber auf Vertrautes zurück.
Und dann kommt wieder plötzlich Weihnachten
Als 6-Jähriger glaubst du an den Weihnachtsmann, an das Glitzern des Tannenbaums, an Kinderpunsch und Schnee. Geschwächtes Immunsystem, Vitamin D und depressive Verstimmungen sind noch Jahre entfernt.
Als 39-Jähriger weißt du: Der Weihnachtsmann bist du selbst. Das Glitzern bedeutet Tanne kaufen, schleppen und schmücken. Der Glühwein wird jedes Jahr teurer – Schnee heißt: Gehweg freischaufeln, Auto freikratzen, Stau im Berufsverkehr.
Und genau dieser 39-Jährige soll jetzt mit seinem Kind losziehen und eine ,Nintendo Switch 2‘ für 500 € kaufen?
Ein 6-Jähriger weiß nicht, was Inflation ist. Ein 39-Jähriger sehr wohl.
Wo ist unsere Magie geblieben?
Weihnachten ist jedes Jahr am 24. Dezember. Aber das, was wir mitbringen, verändert sich: unsere Worte, unsere Gedanken, unsere Erwartungen.
Vor kurzem hatten wir von TotalVerbuggt eine „Gaming Jam“ auf der KinderkrebsStation der Uniklinik Mainz organisiert. Wir haben alte und neue Spiele gemeinsam gespielt. Pizza gegessen und eine Menge Spaß gehabt.
Im Anschluss sagte ein Junge: „Das war der schönste Tag in 6 Jahren“. Mir fehlten die Worte.
Ein Zitat aus dem Street Fighter Film von 1994 bringt es überraschend gut auf den Punkt:
„Für dich war es der Tag, an dem sich dein Leben änderte. Für mich war es einfach ein Dienstag.“ (Original: „Für Sie war der Tag an dem Bison ihr Dorf beehrte, der wichtigste Tag in ihrem Leben, aber für mich? Es war Dienstag.“)
Für Kinder gibt es diese Momente. Magisch, verändernd, Kernerinnerungen schaffend. Für uns sind sie oft Routine. Doch wir können entscheiden, die Magie in unser Leben zu lassen. Oder wollt Ihr Peter Pan von 1953 schauen und mit Erschrecken feststellen, dass Ihr mehr mit den Piraten gemein habt als mit Peter Pan?
Als 39-Jähriger kann ich eins: Aktiv Momente schaffen. Momente, an die sich ein Kind 33 Jahre später erinnert. Momente, die zu ihrer ersten Konsole werden. Zu ihrem Yoshi. Zu ihrem „Bling“.
Doch dafür muss ich zulassen, dass es Magie gibt. Ich darf nicht alles erklären müssen, nicht entzaubern, nicht jedes Glitzern auf seinen Preis reduzieren. Ich darf nicht so tun, als hätte ich hinter den Vorhang geschaut und wüsste plötzlich alles. Denn es gibt kein Theaterstück. Es gibt nur eine Wahrheit: Wir haben ein Leben und möchten wir passiv auf Wunder warten oder aktiv Wunder erschaffen?
Weihnachten fiel auch in diesem Jahr wieder auf einen 24. Genug Zeit blieb zuvor, eine wunderschöne Tanne auszuwählen oder eine künstliche zu ergattern. Den Baum schmücken brachte Familien wieder zusammen und manchmal auseinander. Auch das gehört dazu. Das ist Leben. Selbstgebasteltes ergänzt den gekauften Christbaumschmuck. Plätzchen und Rezepte raussuchen für den großen Tag. Briefe an den Weihnachtsmann schreiben, lesen und sich Zeit nehmen die Stimmung zu genießen. Das ist echter Luxus.
Weihnachten kommt nicht überraschend jeden Tag aufs Neue. Weihnachten fängt nicht an, wenn der Jahresabschluss geschafft ist. Weihnachten bedeutet nicht Konsum. Weihnachten ist nicht die Größe des Baums oder die Menge der Geschenke. Weihnachten bedeutet, dass ein Kind glaubt, dass in der Nacht jemand kommt, der Wünsche erfüllt.
Und vielleicht erfüllt er unsere gleich mit. Vor, während und jetzt –
nach Weihnachten an einem ganz normalen Dienstagabend. Alles Gute beim Jahresübergang morgen und im Neujahr!