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Der neue unterhaus-Chef Stephan Denzer über das neue unterhaus-Konzept

Sie sind neuer Geschäftsführer und Programmplaner im unterhaus. Was wird sich ändern?
Wir müssen jüngere Generationen zurückgewinnen, vor allem die unter 50-Jährigen, um die Zukunft des Hauses zu sichern. Das unterhaus muss wieder für alle Altersgruppen da sein. Es wird also neue junge Formate geben, junge Künstler und innovative Konzepte. Dazu gehören auch eine neue Homepage, ein neues Logo und mehr Präsenz im Netz. Auch baulich muss renoviert werden. Dazu benötigen wir Fördergelder und Sponsoren.

Sie kommen von einem hohen Posten beim ZDF. Warum das
Neuland?
Ich habe beim ZDF die Bereiche Kabarett und Comedy verantwortet, also sämtliche Humor Formate über die komplette Senderfamilie, von Böhmermann bis zur heute show und Die Anstalt. Ich habe Glück gehabt und schöne Erfolge feiern dürfen, aber denke nun, es ist an der Zeit, etwas Neues zu wagen. Beim ZDF hätte mich die Sparte der Sitcom sehr gereizt, das wollte man vor einem Jahr aber noch nicht. Dann kam das Angebot vom unterhaus und das gab den Ausschlag, etwas Anderes zu wagen.

Werden Sie mit anderen Spielstätten kooperieren?
Ich möchte mit allen reden. Es gibt bestehende Kooperationen mit dem Frankfurter Hof, aber ich will auch schauen, wo wir neue Ideen entwickeln können: sei es mit Impro-Theatergruppen, Mixed Shows, Science Slams, Sachen mit der Uni, der Schauspielschule etc. Ich will mit motivierten Leuten neue Projekte auf die Beine stellen. Die können oder sollen dann auch vereinzelt ins Netz übertragbar sein.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie und wie läuft der Betrieb ab?
Es gibt noch fünf weitere Mitarbeiter: die Buchhaltung, eine Assistentin, den Betriebsleiter bzw. Gastrochef, Kasse & Vorverkauf und die Technik. Unsere Assistentin Britta Zimmermann ist jung, was mir beim Erstellen des Programms sehr hilft. Denn junge Menschen können besser entscheiden, was junge Menschen sehen wollen. Der spätere Betrieb des Hauses könnte so aussehen, dass im großen Haus mit seinen 240 Sitzplätzen etablierte, bekannte Künstler für die Kabarettfans auftreten und im kleinen Haus verrückte, innovative und junge Formen von Satire, Comedy, Kabarett, etc. stattfinden.

Können Sie schon ein Zukunfts-Programm verraten?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen, weil es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht feststeht und mir noch das Geld dazu fehlt. Ich würde aber sehr gerne ein eigenes Ensemble aufbauen, das satirische Sketche entwickelt. Und der Anspruch wird immer sein, ein intelligentes und gleichzeitig lustiges Programm zu entwickeln.
Meine Handschrift wird also erst ab 2020 zu lesen sein. Das derzeitige Programm wurde noch vom alten unterhaus-Team geplant. Von den Granden des erweiterten Politkabaretts geben sich die Kleinkunstpreisträger Jochen Malmsheimer, HG. Butzko, Mathias Tretter, Frank Lüdecke, Rolf Miller oder Hagen Rether die Ehre. Comedians unter anderem mit Maddin Schneider, Gerd Dudenhöffer, Bill Mockridge, Philip Simon, Alfons und Frank Goosens. Auch Johannes Hallervorden, der Vater Dieter als Special Guest mitbringt. Und sehr viele Frauen sind dieses Mal mit dabei. Mit „Loriots dramatischen Werken“ lässt Frank Golischewski übrigens nach Weihnachten einen langjährigen, ehemals von Ce-eff-Krüger mit aus der Taufe gehobenen, Eigenproduktionsrenner wieder aufleben. Und auch 2020 startet mit einer Golischewski-Produktion, wenn sein Musical „Gutenberg“ vom 5. bis 13. Januar läuft.

 

Ist Satire heute die einzige Form, Politik zu kritisieren?
Nein. Wir leben in einer Erregungsgesellschaft, in der sich Menschen schnell beschimpfen und im Netz mit Hass und Häme überziehen. Gute Satire wird immer versuchen, sich von diesen Tendenzen nicht blind mitreißen zu lassen, weil gute Satire etwas verbessern will. Die Welt ist zwar verrückter geworden: Politiker werden Komiker und Komiker werden Politiker. Das macht es für Satiriker schwer, weil satirische Stilmittel wie Übertreibung, Verfremdung oder Provokation auch von Populisten eingesetzt werden. Somit sind die Zeiten für schlechte Satire einfacher geworden, für gute Satire aber schwerer.

Was genau meinen Sie mit Erregungsgesellschaft?
Die Aufregung nimmt zu, vor allem über das Internet. Boris Johnson und Donald Trump arbeiten ungeniert mit Unwahrheiten, Provokationen und nutzen oder befeuern so das Erregungspotenzial in der Gesellschaft für ihren Erfolg. Negative Schlagzeilen oder Skandale verkaufen sich sehr gut. Auch der Kabarettmarkt läuft so, dass gern das große Getöse gekauft wird. Aber wir wollen auch auf die kleinen Juwelen aufmerksam machen.

Warum sind Sie nicht in eine größere Stadt gegangen?
Ich bin schon lange mit Mainz verbunden, habe hier gute Freunde, Beziehungen und Menschen um mich. Wenn ich nach Berlin gehen würde, würden die sicher sagen `Alter, was willst du denn hier?`. Zugegeben, ich wäre bei einem guten Angebot auch dorthin gegangen. Aber für mich kommt es nicht darauf an, wo ich etwas mache, sondern was ich wie mache. Und in Mainz gefällt mir auch die offene, freundliche Art der Menschen – es könnte nur hin und wieder etwas moderner sein.

Wie verlief ihr sonstiger Lebensweg?
Ich komme aus Kaiserslautern und stand zum ersten Mal mit 16 bei der Fastnacht in der Bütt. Meine Schwester und ich waren schon als Kinder bei jedem Familienfest die lustigen Zirkuspferdchen. Als Kind lernte ich Posaune spielen, war in der Blaskapelle und später in Hamburg beim Luftwaffen-Musikkorps. 1989 kam das Studium in Mainz: Schulmusik und Germanistik, Hauptfach Gesang. Es folgten Jobs in der ZDF-Musikredaktion und als Referent bei Arte. Neben dem teils trockenen Job trat ich auswärts als Comedian mit eigenen Programmen auf und besuchte die Comedy-Schule in Köln unter Rudi Carrell. Ich führte fast eine Art Doppelleben. Als das immer mehr im ZDF bekannt wurde, orderte mich der damalige Intendant Markus Schächter, um den Bereich Kabarett und Comedy aufzubauen.

Sie betreiben auch intensiv Yoga.
Ja, seit bald 15 Jahren, derzeit etwa viermal die Woche je 90 Minuten. Ich gebe auch schonmal Kurse. Letztes Jahr habe ich in Thailand eine Woche als Yoga-Lehrer gearbeitet. Comedy ist oft laut, schrill und extrovertiert. Beim Yoga ist es eher das Stille, Introvertierte. Das ist für mich ein großartiges Spannungsfeld. Wenn ich nicht Yoga gemacht hätte, hätte ich vieles über die Jahre nicht so gut überstehen können. Aber ich denke, ich werde noch mein ganzes Leben lang lernen müssen, wie man sich mal so richtig entspannt.

Stephan Denzer hält im Studium Generale die Vorlesungsreihe „Lachen und Humor“. Am 29.10. um 18.15 Uhr in der Muschel (Campus) „Von der Big Bang Theory zur heute show“ – Grundtypen und Dramaturgien von Comedy.

Interview: David Gutsche
Foto: Jana Kay

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