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Der Klang des Holzes – Mainzer Geigenbaumeister


von Monica Bege
Fotos: Katharina Dubno

Als ich lebte, war ich im Wald, mich fällte das harte Beil. Als ich lebte schwieg ich; gestorben singe ich süß. … so eine alte Geigeninschrift.
Warum kann eine 300 Jahre alte Stradivari mit ihrem Klangvolumen im Orchester selbst Blechbläser und Flügel durchdringen? Exakte Nachbauten bringen kein vergleichbares Resultat. Liegt es am Lack? Vor einigen hundert Jahren aufgetragen und längst oxidiert, ist die Zusammensetzung nicht mehr zu analysieren. Doch ist er abgespielt, klingen die großen Geigen dennoch unverändert. Liegt es daran, dass im 18. Jahrhundert die Hölzer von Montenegro durch das salzige Meerwasser nach Venedig geflößt wurden? Oder an der damals gängigen Grundierung? Sie drang in die oberen Holzschichten ein und schützte vor Feuchtigkeit und Wurmbefall. Nicht mehr auswaschbar, machte sie das Holz extrem hart, und entwickelte unter den Lackschichten der Instrumente eine golden schimmernde Leuchtkraft. Um 1800 kam man von ihr ab, ihre Bestandteile sind heute nicht mehr rekonstruierbar.
Das lombardische Cremona brachte die berühmtesten Geigenbauer hervor, sie benutzten diese Grundierung – auch Antonio Stradivari. Schnell bekannt geworden, wanderten viele seiner zahlreich gebauten Instrumente als Prestigeobjekt in wohlhabende Häuser oder lagerten bei Sammlern und Händlern. Infolgedessen weniger gespielt, erklärt sich ihr heute wesentlich besserer Zustand als eine aus gleicher Zeit stammende Guarneri-Konzertgeige.

Peter Körner – der Senior

London, Juni 2011: Ein unbekannter Privatbieter ersteigert die „Lady Blunt“-Stradivari zum Rekordpreis von 11 Millionen Euro. Gute Verbindungen zum Auktionshaus ermöglichen dem Mainzer Geigenbaumeister Peter Körner unvergessliche Momente: Vor der Versteigerung durfte er die edle Violine in seinen Händen halten, um festzustellen: „Sie sieht aus wie neu.“ Mainz, September 1985: Körner startet in die Selbstständigkeit. Er spezialisiert sich auf die Reparatur von Geigen. Wohnung und Werkstatt im Weihergarten in der Altstadt sind eins und manche der Kunden halten seine kleine Tochter Alexandra während ihrer Besuche auf dem Arm. Die solide Arbeit der nächsten drei Jahre mündet im Umzug der Werkstatt in den ersten Stock. Mitarbeiter werden eingestellt. Neben Gesellen und angestelltem Meister ist die Tochter seit kurzem Lehrling im heimischen Betrieb.
Eine Geige im Jahr wird dann doch selbst gebaut. Allerdings lediglich zu Übungszwecken, in Gemeinschaftsarbeit und ursprünglicher Fertigungsweise – Zeitvorgabe: eine Woche. Stärkenmesser und Wölbungsschablone bleiben dann in der Schublade. „Wir übernehmen die Inspiration des Holzes, arbeiten intuitiv, sehen, fühlen und klopfen“, so der passionierte Geigenbaumeister. Das Auge und nicht die Schablonen urteilen über Symmetrie. „Stimmt die innere Harmonie, dann ist alles in Ordnung – wie beim Menschen.“ Verkauft oder vermietet werden die fertigen Geigen jedoch nicht. Mit der Übung will Körner den Bezug zur Basis des Geigenbaus aufrecht erhalten, ferner gibt sie Sicherheit im Kerngeschäft. Inmitten des notwendigen künstlerischen Chaos auf seiner Werkbank führt Körner mit kräftigen Händen präzise Filigranarbeit aus. Das Ambiente in den drei Räumen reicht von fast meditativer Ruhe bis zum wilden Durcheinander anspielender Musiker. Nicht selten liegen hochwertige Violinen auf dem Tisch. Aber nur kurz, die Wartezeit bis zur Reparatur verbringen sie im Safe.

Familienmensch Nicola Schöllhorn

In einer anderen Liga spielt Nicola Schöllhorn – und sie ist zufrieden damit. „Derzeit liegt nur ein einziger Reparaturauftrag auf der Werkbank – ein befreiendes Gefühl.“ Als dreifache Mutter läuft ihr Beruf rein unter zeitlichem Aspekt gesehen nebenher. Hauptsächlich vermietet sie Geigen und Celli, meist an Kinder und Jugendliche. Eine geliebte und überschaubare Routinearbeit: Zurückgegebene Instrumente werden gereinigt, ausgebessert, mit neuen Saiten versehen und manchmal braucht der Bogen einen neuen Bezug aus Rosshaar.
In der zwölften Klasse lief alles in Richtung Schreinerlehre – bis der Musiklehrer den Berufswunsch mit ihrer Musikalität kombinierte: „Werde doch Geigenbauer.“ Rar gesäte Ausbildungsstellen führten sie zunächst von der Pfalz nach Sachsen. Ihre letzte Gesellenstelle fand sie bei Peter Körner. Sechs Wochen vor der Geburt ihrer heute 10-jährigen Tochter legte sie die Meisterprüfung ab. „Meine Selbstständigkeit war nicht geplant, aber die einzige Möglichkeit, neben den Kindern im Beruf zu bleiben. Angefangen hat es mit drei Reparaturen im Jahr.“ Die quirlige Geigenbauerin hat vor wenigen Wochen die räumliche Trennung von Privatleben und Beruf innerhalb eines Bretzenheimer Mehrparteienhauses vollzogen. Ihre Prioritäten sind klar: arbeiten, wie es Kinder und Leben zulassen. Sie unternimmt viel mit den Töchtern, leitet eine Kinderbibelgruppe, tankt bei Bibelfrühstücken neue Energie und singt in einer modernen christlichen Band. „Musik tut einfach gut und soll Spaß machen.“ Die 38-Jährige achtet bei Kindern insbesondere auf die Passgenauigkeit der Instrumente. Vermittelte Geigen werden von ihr zunächst klanglich eingerichtet: Mit einem Spezialwerkzeug kann das im Geigenkörper klemmende Stimmhölzchen verrückt werden. Manchmal stellt sie auch einen neuen Steg her.

Einzelkämpfer Christoph Sticht

Ein Berg aus Instrumentenkästen stapelt sich in der Ecke. Zettel klemmen zwischen den Saiten der auf der Werkbank aneinandergereihten Geigen, weitere Geigen hängen auf einem Drahtseil vor dem Fenster. Christoph Sticht leimt einen Bogen. „Verwechselt habe ich bisher noch nichts – oder es ist niemandem aufgefallen.“ Eine Haarsträhne fällt in seine Stirn. Er lacht und spannt den Bogen in einen Schraubstock. Neben reinen Handwerk kümmert Sticht sich um eingehende Anrufe und die ungeliebte Buchhaltung – und natürlich: Er behält den Überblick.
Der Geigenbaumeister arbeitet und wohnt in der Neustadt – eine große Flügeltür im Flur trennt beide Bereiche. Morgens bringt er seine 4-jährige Tochter in den Kindergarten, dann geht es in die Werkstatt. An zwei Wochentagen bleibt sie für Laufkundschaft geschlossen – diese ungestörte Arbeitszeit ist branchenüblich.
Während der Ausbildung bei seinem Onkel in Mainz baute er einige Instrumente – heute, gut zwanzig Jahre später, füllen Reparatur, Instrumentenpflege und -vermietung sein Auftragsbuch. Bleibt Zeit übrig, widmet der 44-Jährige sich dem Geigenneubau. Böden, seitliche Zargen und Hals bestehen wegen der ansehnlich geflammten Maserung aus Ahorn. Für die Decke verwendet er Fichtenholz aufgrund der guten Klangleitungseigenschaften. Mit Stemmeisen und diversen Schnitzern verwandelt Sticht diese Hölzer mehr und mehr in Richtung Geige.
Er weist auf eine zerschmetterte Violine: „Ein voller Aktenordner ist in den offenen Geigenkasten gefallen und hat ihre Decke komplett zerstört.“ Wenn auch eine Kostenfrage, so kann er die Originalteile wieder zusammenleimen. Der Klang wird davon nicht unbedingt beeinflusst. Auch privat hat Musik einen hohen Stellenwert für Sticht – immer auf der Suche nach neuen Bands, besitzt er eine riesige Platten- und CDSammlung. Er selbst spielt Kontrabass und als Kind der Rockmusik auch die elektronische Variante.

www.geigenbau-koerner.de
www.geigenbau-nicola.de
www.sticht-geigenbau.de