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Der große Test: Die besten öffentlichen Kantinen in Mainz

Viele Kantinen sind mittlerweile öffentlich zugänglich. Und: „Kantine“ nennt sich kaum noch einer dieser Gourmettempel. Hier geht es eleganter um „Casinos“ und „Lunch-Restaurants“. Ich mischte mich also mittags unter Weißkittel an der Unimedizin, Orchestermusiker des Staatstheaters, uniformierte Ordnungshüter oder Büromenschen in Betrieben und Behörden. „Mahlzeit!“ Ansonsten sind die Bediensteten der Betriebskantinen eher wortkarg. Und was bei (fast) allen Gourmettempeln noch gleich ist: Die abwaschbaren Kantinenmöbel, die Ausgabetheken mit meistens drei Menüs, die Salattheke zur Selbstbedienung, Kaffee-Automaten und eine Auswahl alkoholfreier Getränke. Über die Preise muss man nicht viel schreiben, die Menüs liegen – je nach Kombination mit Suppe oder Dessert – zwischen vier und acht Euro, Extras extra. Für manche ist auch das auf die Dauer zu teuer. Angestellte erhalten allerdings in der Regel eine Ermäßigung von 10 bis 30 Prozent und zahlen meistens elektronisch mit einer vorher aufzuladenden Essenskarte – Gäste bar. Vorweggenommenes Fazit: Es hat sich manches getan in der Kantinenszene, und diese ist beinahe so vielfältig wie die Restaurantlandschaft. Also ruhig mal ausprobieren, wenn es mittags nicht der Hamburger oder die Pizza auf die Hand sein soll.

Rathaus Mainz

Im 5. Stock des Rathauses liegt das Besteck mit Servietten und Dekoration schon auf den Tischen, eine freundliche Geste. Die Kantine wird betrieben von der GPE – Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen Mainz, die noch andere Kantinen und Restaurants betreiben, u.a. im Stadthaus oder den Gasthof Grün. Die meisten der wenigen Besucher im Rathaus wählten am Testtag die Currywurst mit Röstisticks. Mein Überraschungsmenü (immer dienstags außerhalb der Karte) war eine Viertelpizza mit Thunfisch und Spinat, die auch nicht schlechter schmeckte als aus dem Supermarktregal. Die Spargelcremesuppe allerdings war eine fade Mehlpampe. Vielleicht entschädigt die Aussicht auf den Rhein.

Casino Taubertsberg (Wallstraße 3, Nähe Bahnhof)

Hier im Erdgeschoss des Büro- und Ärzte-Komplexes war das Publikum deutlich jenseits der Pensionsgrenze und sah eher bedürftig aus. Alle Speisen gibt es auch zum Mitnehmen. Es war mal wieder Freitag, also Fischtag. Ein passables paniertes Seelachsfilet mit klassisch-gutem Kartoffelsalat und Remoulade für 5,40 Euro, Salat inklusive. An der Salatbar fiel ein schmackhafter Rote-Bete-Salat auf. Die vegetarische Wochenauswahl ist einfallsreich.

Stadthaus (Kaiserstraße 3-5, 6. OG)

Die im Preis von 6,20 Euro enthaltene Vorsuppe erwies sich als salzige Würfelbrühe mit geschmacklosen Pastinaken-Streifen und Zucchiniwürfelchen. Das undefinierbar zerkochte Szegediner Gulasch neben den trockenen Salzkartoffeln war ebenfalls von Fertiggewürz dominiert. Vegetarische Alternative wären die berühmten „Gemüsebratlinge“ gewesen. Die Salatbar beschränkte sich auf ein Tomaten-Gurken-Gemisch in saurer Soße, Nudeln, Möhrenrohkost und Kopfsalat. Der Espresso zum Abschluss verdiente den Namen nicht. Leider: Die Ärmlichste.

Polizeipräsidium (Valenciaplatz 2)

Man kann sich unbehelligt reintrauen: Hinter dem unscheinbaren Eingang in der Kreyßigstraße ohne jeden Hinweis erwartet einen keine Eingangskontrolle. Gleich links kommt man in die Kantine des Polizeipräsidiums, für alle zugänglich und geführt von der Horvath Gastronomie. Zugegeben, im Vergleich zu anderen Casinos ist es hier im Erdgeschoss etwas dunkel. Umso freundlicher allerdings der Küchenchef hinter der Theke. Der Zuspruch von „Externen“ hält sich in Grenzen. Man ist von der „Trachtengruppe“ umgeben, wie einmal ein frecher Tatort-Kommissar seine uniformierten Kollegen nannte. Die Karte (wie üblich zwei Stammessen und ein vegetarisches) ist bodenständig. Ich entschied mich für das „African Chicken“: ein Ragout mit Paprika-Stückchen, dazu Reis: gutes Mittelfeld. Die Kartoffel- Gemüse-Suppe davor erreichte knapp ein „befriedigend“. Für den, der in der nördlichen Neustadt mittags nicht kochen will: OK.

Personalkasino der Unimedizin (Gebäude 304, 1. Stock)

Auf dem Speiseplan fällt auf, dass es an drei Tagen die Woche Hühnchen gibt. Mein „Aktions-Menü“ am Freitag für 4,90 Euro war ein nicht näher definierter „Backfisch“ in dicker Semmelbröselkruste. Dazu gab es Bratkartoffeln, unter denen sich phantasievoll fünf geröstete Kürbiskerne versteckten, begleitet von einer fetten Mayonnaise, die als „Tiroler Sauce“ angekündigt war. Aber die Notambulanz ist ja nicht weit. Vegetarisches (ein ebenfalls panierter Schmelzkäsebratling), Gemüse und Extrabeilagen werden nach Gewicht berechnet. Aus nostalgischen Gründen wählte ich zum Dessert die gute alte grüne Götterspeise mit Waldmeister- Aroma. Außer den drei Stammgerichten warteten Tomatennudeln, Fischstäbchen und Cevapcici vom Rind auf hungrige Esser – für die es übrigens reichlich Platz gibt: etwa 350 Gäste fasst der turnhallenartige Saal. Fazit: die Größte.

Werner & Mertz (Rheinallee 96)

Bei Werner & Mertz habe ich es riskiert und getestet: Wie schafft eine klassische Kantine mit zig Gästen, die sich innerhalb von 1-2 Stunden knüppeln, ein klassisches saisonales Spargelgericht? Ergebnis: Erstaunlich gut! Der Spargel (etwa 250 Gramm) war geschmackvoll, auf den Punkt gegart und sauber geschält. Die Sauce Hollandaise war cremig und fein. Der dazu gereichte Teller mit zartem rohem und gekochtem Schinken nett angerichtet. Das war mir schon die acht Euro wert. Ansonsten hätte ich gratinierten Fleischkäse (5,15 Euro) oder überbackenen Spitzkohl haben können. Außerdem gab es ein thailändisch angehauchtes Gemüsegericht, ein Nudelbuffet mit verschiedenen Saucen und vor allem eine Salattheke ohne Fertigsoßen mit verschiedenen Öl- und Essigsorten. Kein Wunder, dass dieses Mitarbeiterrestaurant das JOB&FIT-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) besitzt. Zudem liegen Broschüren mit Tipps für gesunde Ernährung aus. Mein Favorit: Die Beste!

Stadtwerke

Eine Stunde lang heißt das SV Restaurant im Erdgeschoss der Stadtwerke-Verwaltung (Rheinallee) externe Gäste willkommen. Auch hier geht die Phantasie der Speisekarten-Redakteure erstaunliche Wege. Das Spargelgemüse nach Heidebauernart lief unter „worldwide“, die Cevapcici unter „traditional“. Meine Spinat-Ricotta-Cannelloni mit Tomatensauce für 4,80 waren in Ordnung. Das Salatbuffet war leider um 13 Uhr schon geräumt. Um diese Zeit gibt es Schichtwechsel: Mehrere Klassen von Kindern aus der Feldbergschule marschieren in Zweierreihen auf und empfangen ihre Schulspeisung.

Staatstheater

Wenn man am Seiteneingang des Mollerbaus geklingelt hat und eingelassen wurde, erwarten einen alte Stühle und abgewetzte Tische im Dämmerlicht wie in einem osteuropäischen Wartesaal aus den Fünfzigern. In der Kantine des Staatstheaters fragt man sich: Soll das so sein, oder haben die Bühnenbildner diesen Raum einfach jahrzehntelang vergessen? Eine Kantine mit Alkoholausschank: Es gibt Weine für 3,10 Euro, allerdings muss man den Thekenjungs jedes Mal wieder die richtigen Flaschen zeigen. Immerhin wird bis abends Essen vorgehalten, und meine gebratenen Hühnchenstücke mit Pilzragout waren ganz passabel. Man hört, dass die Tage des Pächters, der auch die Pausen bei den Vorstellungen und das „Pur“ im Foyer betreut, gezählt sind. Immerhin von 8 bis 23 Uhr geöffnet.

Kultur- und Bildungsministerium

Die einzige Betriebskantine im Test mit langen Warteschlangen an den Ausgabetheken! Das mag an der großen Zahl umliegender Regierungsgebäude liegen, aber sicher auch an der Qualität des Angebots. Bei mir: Tomatensuppe, die wirklich so schmeckte wie sie hieß. Dann eine wirklich große Portion Gyros mit Tsatsiki, Ajwar und Duvecreis, wobei der Koch mit Knoblauch und Gewürzen dezent umgegangen war – er kennt eben die mitteleuropäischen Ängste. Der Teller war mir 7,20 Euro wert, Suppe, Beilagen und Dessert extra. Man kann in der variationsreichen Wochenkarte allerdings auch schon mal ein Rumpsteak für 9 Euro finden. Guter Espresso 1 Euro!

HWK-Kantine im Berufsbildungszentrum (Robert-Koch-Str. 7, Hechtsheim)

Der Speiseplan für die Kids in diesem trüben Schulgebäude sah heute aus wie von McDonalds kopiert: Hamburger, Cheeseburger, Schnitzel, Currywurst, Chicken Nuggets – natürlich alles mit Pommes. Als Alternative drei Sorten Spaghetti und ein „Chefsalat“. Preise dafür von 3,50 bis 4,40 Euro. Ich verzichtete und bedauerte die jungen Azubis, denen im anheimelnden Hechtsheimer Industriegebiet sonst nur der Döner-Shop um die Ecke bleibt. Urteil: Die Ungesundeste.

Gaul’s Lunch-Restaurant im Business- Campus (Wilhelm-Theodor-Römheld-Str. 30)

Hier essen die umliegenden Büromenschen von 7.30 bis 16 Uhr kreativ – vor allem, was die Menükategorien angeht: „Aus der Region“ kam ein Putenschnitzel, „Hin und Veggie“ war man mit herzhaften Crepes, als „Weltenbummler“ konnte man sich mit gegrilltem Kabeljau und Kartoffelragout fühlen, und jeden Tag gibt es Pizza „frisch aus dem Ofen“. Die geschmackvolle Einrichtung mit verschiedenen Barhockern, Lederstühlen, Sesseln und Sitzecken unterscheidet sich wohltuend von der üblichen Einheitsmöblierung. Übrigens die einzige getestete Kantine (Verzeihung: „Lunch-Restaurant“) mit einigen Sitzplätzen an frischer Luft. Mal wieder ein Automaten-Espresso: sehr gut. Fazit: Die Schönste.

Text Minas Fotos Stephan Dinges

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