| | Kommentare deaktiviert für Das Gold der Straße – Flaschensammler in Mainz

Das Gold der Straße – Flaschensammler in Mainz

Flaschensammler_DSC3081

von Florian Barz      Fotos: Stefan Zahm

Weit nach Mitternacht beginnt am Winterhafen die Stunde der Sammler. Nur noch vereinzelt brandet bierseliges Gelächter auf. Die meisten Griller, Vorglüher und Feierabendtrinker sind inzwischen zurück in die Innenstadt gepilgert. Übrig bleibt nur ihr Flaschenpfand und auf den haben es die Sammler abgesehen. Mit Tüten und Taschenlampen ausgerüstet, stromern ein halbes Dutzend Männer über die Rasenflächen, sortieren, stecken ein. Emsige Arbeiter der Nacht. Flink und lautlos füllen sie ihre Beutel mit Glas – und Plastikflaschen und stapeln ihre Beute auf mitgebrachten Fahrrädern und Anhängern.

„Je später man am Winterhafen auftaucht, desto besser“, sagt Anton (51), der unerkannt bleiben möchte. Seit sechs Jahren fährt er mit seinem Fahrrad kreuz und quer durch Mainz, um Pfandflaschen zu sammeln. Auch am Winterhafen ist er regelmäßig unterwegs. „Angetrunkene geben ihr Pfand gerne ab. Und viele sind auch zu faul, ihren Bierkasten wieder mitzunehmen.“ Was Anton von der Straße aufliest, macht er in den Pfand-Automaten der umliegenden Supermärkte zu Geld. An guten Abenden im Sommer sind es schon mal 25 Euro – in der Regel weniger. Trotzdem ist er für jede einzelne Flasche dankbar. „Es geht nicht darum, auf einen Porsche zu sparen, sondern um das Allernötigste. Sich ein Essen leisten zu können, zum Beispiel. Dafür mache ich das.“

Lukratives Rheinufer

Durch eine Krankheit verlor Anton 2005 seinen Job als Logistiker. Seitdem lebt er von einer kargen Berufsunfähigkeitsrente und Hartz 4 auf Taschengeldniveau. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. „Ich hatte damals massive Schlafprobleme und habe mir gedacht: da kannst du die Zeit auch nutzen, um Flaschen zu sammeln.“ Mittlerweile weiß er, wo die besten Pfandautomaten stehen und kennt das Pfand jeder Marke und Flaschensorte. „Mein Kopf ist längst zu einer Registrierkasse geworden. Das kannst du gar nicht abstellen.“ Im Sommer, besonders an Wochenenden, ist der Rhein die Top-Adresse für Flaschensammler. Denn dort tummelt sich die junge Alkoholgesellschaft und produziert eifrig Pfandflaschen.

Auch Heimspiele des FSV Mainz 05 versprechen gute Einnahmen und natürlich die großen Feste wie Johannisnacht, Fastnacht und das AStA-Sommerfest. Dementsprechend groß ist die Konkurrenz. „Es werden jedes Jahr mehr Sammler in Mainz“, klagt Anton. Das führt zu Reibereien. So besitzt er kein festes Revier wie andere Sammler. Einmal attackierte ihn ein Mann am Hauptbahnhof, weil der den Platz zum Sammeln für sich beanspruchte. „Wenn es kracht, hast du nur zwei Möglichkeiten: kämpfen oder nachgeben.“ Auch sein Fahrrad wurde ihm schon geklaut – mitsamt Pfand. Erst vor wenigen Wochen wurde eine 75-jährige Sammlerin in der Quintinsstraße überfallen und verletzt – die Beute des Diebes: Pfandgut im Wert von 8 Euro. „Es ist viel mehr Ellbogen unter den Sammlern als früher“, sagt Anton nachdenklich. „Mittlerweile überlege ich ernsthaft, aufzuhören.“

Tinder für Sammler

Eine Alternative zum täglichen Wettstreit auf der Straße bietet das Portal „pfandgeben.de“. Wer seine Pfandflaschen abgeben möchte, kann über die Seite Flaschensammler aus dem Viertel per Handy kontaktieren. Die kommen dann vorbei, um das Leergut abzuholen. Für die Mainzer Innenstadt sind vier Sammler registriert, auch Anton hat sich angemeldet. Allerdings ist die Nachfrage nicht sehr groß. Es sind vor allem Wohngemeinschaften, die ihn kontaktieren. Faule Studenten, die sich den Müll lieber von anderen wegtragen lassen? Das Argument lässt Anton nicht gelten. „Ich erbringe eine

Dienstleistung. Das ist besser, als auf der Straße im Müll zu wühlen.“ Auch die Stadt versucht den Sammlern ihre Arbeit zu erleichtern – mit mäßigem Erfolg. Im vergangenen Jahr startete unter großer medialer Aufmerksamkeit ein Projekt mit festen Pfandkästen an verschiedenen Straßenlaternen. Die Idee: Sammler sollten nicht mehr im Müll nach Pfand wühlen müssen und dabei Gefahr laufen, sich an Glasscherben zu verletzen. „Wir möchten das Sammeln menschenwürdig gestalten“, verkündete Ellen Diehl, Vorsitzende der Mainzer Juso-Gruppe damals stolz. Doch die Kästen fielen der nächtlichen Zerstörungswut von Besoffskis zum Opfer. Immer wieder wurden die Pfandkisten herunter getreten und Flaschen zerstört. Überall lagen Scherben herum. Schließlich stellten sich die Entsorgungsbetriebe quer. „Es gab aufgrund der Zerstörungen leider nur mehr Arbeit für die Entsorgungsbetriebe, aber keinen Effekt für die Sammler“, sagt Stadtsprecher Ralf Peterhanwahr mit Bedauern. „Es ist sehr schade, dass sich eine solche Idee, die armen Menschen zu Gute kommen soll, ins Gegenteil verkehrt.“

Pfandsammeln als Nebenjob

Dass alle Sammler, die durch die Stadt ziehen, am Existenzminimum leben, ist allerdings nicht richtig. Thomas K. (48) aus Mombach hat eine Vollzeitstelle mit ordentlichem Verdienst. Trotzdem geht er in seiner Freizeit auf Pfandjagd. „Das Geld reizt mich“, erklärt er seinen ungewöhnlichen Nebenjob. In den Sommermonaten braucht er sein Konto nicht anzutasten. Einkäufe bezahlt er mit dem Pfand anderer Menschen. Das bekommt er vor allem vor den Diskotheken. Besonders Jugendliche betrinken sich am Wochenende und lassen das Pfand dann notgedrungen zurück. „Die Türsteher freut es, wenn ich komme“, sagt Thomas. „Dann müssen sie den Pfandmüll nicht selber einsammeln.“ Viele Partygänger zieht es nach dem Club noch an den Hauptbahnhof, zum Nachglühen.

Spätestens um halb sieben ist für Thomas aber Feierabend, dann kommt die Müllabfuhr. „Da gibt es sonst Ärger. Die wollen das Pfand lieber für sich haben.“ Etwa 40 bis 50 Euro verdient Thomas in einer Sammelnacht. Den größten Gewinn strich er vor einigen Jahren beim Gutenberg-Marathon ein. Ein Sponsor hatte jeden Läufer im Ziel mit einem kostenlosen Getränk begrüßt. „Da musste ich nur von einem zum Nächsten gehen und die Flaschen einsammeln.“ Sein Verdienst in 1,5 Stunden: 130 Euro.

Thomas Arbeitgeber toleriert seinen Nebenjob. Auch die meisten Kollegen wissen Bescheid. Trotzdem bleibt auch nach zwölf Jahren ein Schamgefühl. „Ich spreche ungern Menschen an“, erklärt er. „Und da ist immer auch die Angst, dass mich jemand auf der Straße erkennt, der es noch nicht weiß.“ Aufhören möchte er aber nicht. Das Sammeln ist eine Leidenschaft – wie eine Sucht. Und es hilft gegen die Langeweile. „Wenn ich zu Hause hocke, fällt mir die Decke auf den Kopf. Und im Fernsehen läuft ohnehin nur Müll.“