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Biotech-Standort Mainz: 30 Hektar stadtauswärts verplant

Bau-Planungskorridor durch die Stadt bis hinten über die Felder hinters Stadion mit 50 Hektar.

Es ist soweit. Mainz wird an den Rändern der Stadt Zuwachs erfahren durch neue Quartiere, Viertel, vielleicht sogar durch den lange gehegten neuen Stadtteil… Jetzt wo wir zum neuen Standort der Biotechnologie werden, kommen die Flächen außerhalb aufs Trapez und Mainz wird nun den Tod sterben müssen zwischen Bebauung und dem Erhalt womöglich nötiger Frischluftschneisen in die Stadt hinein. Los geht es mit 30 Hektar Fläche, verteilt auf 50 Hektar Planungsfläche rund um die Felder der Hochschule Mainz und der MEWA Arena, zwischen Uni bis Finthen. Die soll zur Ansiedlung von neuen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden mit einem Invest von rund 1 Milliarde Euro. Ein erster Zeitplan steht bereits.

OB Ebling hält fest: „Bereits heute ist Mainz ist eine wichtige Adresse im Bereich der Biotechnologie. Insbesondere mit dem Durchbruch von BioNtech hat diese Branche und damit auch der Standort Mainz einen großen Aufschwung erfahren. Wir möchten an diesen Erfolg anknüpfen und Entwicklungsperspektiven für die Biotechnologiebranche in unserer Stadt schaffen. Hierfür erarbeiten wir derzeit eine Strategie, die zwei Aspekte miteinander verknüpfen muss: Die Anforderungen der Branche und die Rahmenbedingungen vor Ort hinsichtlich Städtebau, Verkehr, Umwelt und vielen weiteren Themen.“

Die Achse Oberstadt in Nähe zur GFZ-Kaserne, zur Universitätsmedizin und zum Universitätscampus soll gestärkt und fortgesetzt werden: „Um dem Biotechnologiestandort Mainz ein räumliches Bild zu geben, haben wir einen Strategieplan entwickelt, der die bereits vorhandene „Biotechnologie-Achse“ im Bereich der GFZ-Kaserne, Universitätsmedizin und Universität darstellt und das Flächenpotenzial für den kurz- und mittelfristigen Bedarf im Bereich der GFZ-Kaserne und des Hochschulerweiterungsgeländes sowie weiteren Einzelstandorten aufzeigt. Für die langfristige Perspektive benötigt es jedoch weitere Flächen: Hier konzentrieren wir uns auf die westliche Fortführung der Achse von der Erweiterung des Hochschulgeländes („B158/3. Ä“) bis hin zur Regionalbahnlinie. Im nächsten Schritt soll für diese Flächen ein internationaler Ideenwettbewerb durchgeführt werden, um Ideen zu sammeln, wie an dieser Stelle ein nachhaltiges und innovatives Quartier als Biotechnologiestandort gelingen kann“, so Baudezernentin Marianne Grosse. “

Wie so oft soll es auch eine Bürgerinformation geben, in welcher die städtebauliche Strategie vorgestellt wird. Die Ergebnisse fließen dann in die Auslobung eines Ideenwettbewerbs ein. Was genau auf diesen bislang landwirtschaftlich genutzten Flächen entstehen kann, soll dieser Wettbewerb klären. Gebäude für Biotechnik, Versorgung, Begegnung – all das sei dort denkbar, Wohnen allerdings eher nicht, so Ebling und Axel Strobach, Leiter des Stadtplanungsamtes. Auch sollen nicht die gesamten 50 Hektar bebaut werden; sondern „nur“ 30 Hektar.

Grundstücks-Problematik
Die Grundstücksverwaltungsgesellschaft (GVG) der Stadt ist dabei die Grundstücke zu erwerben. Einige Privateigentümer wundern sich jedoch darüber. Ein Großteil der Eigentümer habe erst aus der Allgemeinen Zeitung davon erfahren, dass die Flächen, die sie bewirtschaften oder zur Bewirtschaftung verpachtet haben, von der Stadt angekauft werden sollen, heißt es aus Gonsenheim. „Wir fühlen uns überfahren“, sagt ein Gonsenheimer Landwirt, der namentlich nicht genannt werden möchte, in der AZ vom 19. Mai. Zwar seien einige seiner Kollegen bereits angeschrieben und informiert worden, dass die Flächen zum Gewerbegebiet werden sollen; viele seien von der Stadt allerdings noch nicht kontaktiert worden.
Die Grundstücksverwaltungsgesellschaft der Stadt (GVG), die dafür zuständig ist, die Flächen zu erwerben, widerspricht dieser Darstellung. „Wir haben alle Eigentümer, die wir kennen und ermitteln konnten, vor der Presseveröffentlichung angeschrieben“, sagt der Geschäftsführer der GVG, Franz Ringhoffer. Liegenschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU), die auch Aufsichtsratsvorsitzende der GVG ist, war und ist in die Flächenfindung laut eigener Aussage nicht involviert.
Die Fläche, um die es geht, sei „top bewirtschaftet“, sagt der Landwirt, es gebe keine brachliegenden Areale, die Bodenqualität sei hervorragend. Vorwiegend würden dort Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben angebaut. Dabei bewirtschafteten nicht alle Eigentümer ihre Felder selbst, sagt er. Viele Äcker seien verpachtet, würden von Draiser oder Bretzenheimer Kollegen bearbeitet. Natürlich gebe es auch viele Eigentümer, die froh über das Kaufangebot der Stadt seien und es gerne annehmen, sagt er. Allerdings habe er sich von der Stadt beziehungsweise der GVG einen besseren Dialog gewünscht, auch in rechtlicher und steuerlicher Hinsicht. Wieviele Eigentümer von dem Projekt betroffen sind, weiß er nicht – er schätzt allerdings, dass es zwischen 150 und 200 sein dürften.
Der Gonsenheimer fühlt sich an das Vorgehen der Stadt beim Stadionbau erinnert. Auch damals habe die Stadt Pläne veröffentlicht, „ohne auch nur einen Quadratmeter Gelände zu besitzen.“ Schon da, 2007, hatten sich die Gonsenheimer Landwirte überrumpelt gefühlt und gingen auf die Barrikaden – das Stadion wurde schließlich auf Bretzenheimer Gemarkung gebaut.
Es gehe nicht ums Geld, sagt er – nach Informationen der Allgemeinen Zeitung soll die GVG den Eigentümern 50 Euro pro Quadratmeter geboten haben. Es gehe auch um die Frischluftschneise, die offenbar plötzlich keine Rolle mehr spiele. „Die Stadt verbietet Schottergärten, will aber selbst ihre Grünflächen für Gewerbegebiete opfern“.
„Wir haben seit 2000 kein größeres Gewerbegebiet mehr ausgewiesen“, sagt Ringhoffer dagegen. „Wir müssen für die nachfolgenden Generationen und auch für unsere Unternehmen, die expandieren wollen, vorsorgen“. Klar sei allen Verhandlungen für das neue Biotechnik-Gelände, dass es nur einen Preis zum Ankauf gebe. „Es werden alle gleichbehandelt.“

Auf dem Areal sei auch vorgesehen, einen Neubau des Technologiezentrums Mainz (TZM) zu realisieren. Die Erschließung des Geländes solle noch im Sommer erfolgen, sodass dort theoretisch in einigen Monaten ein Baustart denkbar sei, so Ebling. Zum Bauvorhaben der IGS am Europakreisel, die dort ebenfalls geplant ist, wurde sich nur ausweichend geäußert. Nach Informationen der Allgemeinen Zeitung gibt es Überlegungen, aufgrund der aktuellen Biotechnik-Entwicklungen, den Schulstandort doch noch einmal auf den Prüfstand zu stellen.

Frischluft?
Ganz schön viel Beton für Mainz, da klingt die aktuelle Änderung der Grünsatzung dagegen wie ein Feigenblatt. So wurde doch immer wieder gemahnt, dass Frischluftschneisen nicht immer weiter zugebaut werden dürfen, sonst bleibt der Stadt irgendwann die Luft weg. Ebling appelliert dagegen an den Bedarf der Stadt, sonst können er gleich „sagen, tschüss, alles dicht, hier geht nichts mehr“. Gemeinsam müssen nun nach Lösungen geschaut werden.

Sieben Kaltlufteinzugsgebiete definiert der Landschaftsplan der Stadt, die über sechs Täler Kaltluft in die Stadt schleusen. Im Norden verlaufen die Schneisen von Finthen aus durch das Gonsbachtal und das Kisseltal, im Westen durch das Königsborntal und das Aubachtal, vor allem aber durch das Tiefental aus der Draiser Senke in Richtung Stadt. Im Südwesten versorgt die Marienborner Senke durch das Wildgrabental die Innenstadt mit kühler Luft, im Süden und Südwesten verlaufen die Schneisen entlang des Langgewanns und eben durch das Kesseltal. Die größten Kaltluftabflussmengen werden dabei im Aubachtal, im Kesseltal, in der Draiser Senke und im Wildgraben erreicht, heißt es im Landschaftsplan explizit. Doch diese so wichtigen Frischluftschneisen werden zunehmend von Neubauten eingenommen. So wurde die neue MEWA-Arena in das Kaltluftbecken der Draiser Senke gebaut und auch das Wildgrabental wird nachverdichtet: Am früheren Hildegardis-Krankenhaus entstehen Neubauten, am früheren Autohaus Müller in Zahlbach planen Investoren Neubaukomplexe – alles in der Frischluftschneise. Was tut man nicht alles für den Fortschritt…

Mainzer GRÜNE wollen Mainz als BioTechHub-Standort aktiv gestalten

Der Kreisvorstand der Mainzer GRÜNEN hat für die kommende Kreismitgliederversammlung einen Antrag vorbereitet, der bekräftigt: „Die Weiterentwicklung des BioTech-Standorts Mainz wird in den kommenden Jahren eine unserer zentralen politischen Aufgaben sein. Mit unserem Leitantrag wollen wir die GRÜNE Basis frühzeitig in diesen Prozess einbinden“, fasst die Kreisvorsitzende Christin Sauer zusammen.
„Für weitere Flächen, die für die Weiterentwicklung des BioTechHubs Mainz infrage kommen, muss gelten, dass diese als moderne und nachhaltige Science-City-Quartiere realisiert werden. Das bedeutet, dass sie im Einklang mit mikroklimatischen und ökologischen Voraussetzungen am Standort klimapositiv zu entwickeln sind. Die Welt blickt auf Mainz, deshalb muss es als Stadtpolitik unser Anspruch sein, bei der Entwicklung eines BioTechHubs nicht nur optimale Rahmenbedingungen für zukünftige Erfolge in der Biotechnologie zu schaffen, sondern auch zu zeigen, wie eine nachhaltige und zukunftsfähige Wirtschafts- und Standortpolitik aussieht.“ erklärt Christin Sauer.
„Wir wollen die Ansiedlungspolitik im BioTechHub, wie auch die Grundstücke, in öffentlicher Hand behalten. Die Stadt und ihre Beteiligungen sollen darauf achten, dass sich ansiedelnde Unternehmen den globalen Nachhaltigkeitszielen verpflichten und die Arbeitnehmer*innenrechte gewährleisten. Nur so erfüllen wir als Stadt unsere Verpflichtung, die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen.“ ergänzt Jonas König.

CDU kritisiert Kommunikationsdesaster der Stadt: Neu eingerichtete Stabsstelle Biotechnologie und GVG scheitern an Bewährungsprobe

„Es steht außer Frage, dass die Förderung des Biotechnologiebereichs in Mainz mit Nachdruck vorangetrieben muss“, erklärt der CDU-Kreisvorsitzende Thomas Gerster. Wie die Stadt mit dem Thema umgehe, bereite ihm jedoch Kopfzerbrechen. Die neu eingerichtete Stabsstelle Biotechnologie habe zusammen mit der Grundstücksverwaltungsgesellschaft (GVG) gleich bei ihrem ersten Auftrag ein Kommunikationsdesaster zu verantworten, indem anscheinend nicht alle Eigentümer von den Flächen angesprochen wurden, die als neue Gewerbeflächen angekauft werden sollen, um einen Biotechnologie-Campus in Mainz zu entwickeln. „Hier ist Oberbürgermeister Ebling an die Öffentlichkeit gegangen, um sich zu brüsten, bevor es einen Dialog mit den Betroffenen gegeben hat“, sagt Gerster. Normalerweise sollte ein Dialog im Vorfeld der Entwicklung solcher Gebiete selbstverständlich sein.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU Ludwig Holle erklärt, dass die Stadt darüber hinaus auch an entsprechende Wohnmöglichkeiten denken müsse, wenn ein Biotechnologie-Campus mit mehreren tausend Arbeitsplätzen geschaffen werden solle. In diesem Zusammenhang erinnere die CDU an ihre langjährige Forderung sowie an das Versprechen von Michael Ebling aus dem Oberbürgermeister-Wahlkampf, endlich mit den Planungen eines neuen Stadtteils zu beginnen.

„Alles in allem macht das Vorgehen einen unprofessionellen Eindruck und erweckt den Anschein, dass die Entscheidungen primär von Parteieninteressen getrieben sind“, kritisiert Holle. Ein Handeln zum Wohle der Stadt sowie der Bürgerinnen und Bürger sehe anders aus.

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