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Am laufenden Band: zu Besuch beim Mega-Logistiker Hermes in Hechtsheim

Es ist zwölf Uhr mittags im Hechtsheimer Hermes Logistik Center (LC). Ein lauter Signalton ertönt und von allen Seiten strömen Mitarbeiter in die Halle – Schichtbeginn. Pakete aller Größen und Formen rasen über 826 Meter Sortierband, die sich zeitgleich in Bewegung setzen. H&M, Zalando, Limango, s.Oliver, Otto, Asos und natürlich Amazon. „Es hat etwas hypnotisierendes“, sagt Marc Ibold, Leiter des LC. Er blickt hinab auf das rasende schwarzgraue Laybrinth. 20.000 Sendungen gehen hier jeden Tag übers Band, um automatisch gescannt und nach Regionen sortiert zu werden. An 95 „Endstellen“ warten blau gekleidete Mitarbeiter und laden die Fracht mit leichter Hand in Fahrzeuge. Die beliefern von hier aus nicht nur Mainz sondern fahren bis nach Idar-Oberstein, in den Taunus und vor die Stadtgrenzen von Frankfurt. Das Mainzer LC ist nur eins von zehn in Deutschland.

Gesetz der großen Zahlen

Doch das Hauptgeschäft sind für Hermes in Mainz nicht die Lieferungen, sondern die Retouren: Als einer von deutschlandweit drei Retouren-Standorten empfängt und sortiert Hermes Hechtsheim täglich bis zu 180.000 Rücksendungen. Tendenz: steigend. Der Standort wurde im November im Zuge einer großen Umstrukturierung im Otto-Konzern eröffnet, zu dem Hermes gehört. Aus ehemals 50 deutschen Standorten wurden zehn riesige Logistik Center und Multifunktionsstandorte, einer davon in Mainz. Direkt hinter dem Messepark belegt Hermes seitdem eine Gesamtfläche von 65.000 qm, wovon 10.500 die große blaue Halle ausmacht. Von den 250 Angestellten arbeiten 200 in der Sortierung und Verladung. Ein Knochenjob. 90 von ihnen sind Geflüchtete aus Somalia, Eritrea und Syrien, die noch nicht lange in Deutschland leben. Wie fast alle Paketzusteller ist Hermes in den letzten Jahren rasant gewachsen: 2017 ist die Paketmenge im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent gestiegen, der Umsatz um zwölf Prozent. Die Renditen sehen auch in Zukunft gut aus. „E-Commerce ist und bleibt die treibende Kraft“, sagt Marc Ibold dazu. „Bis 2025 rechnen wir mit einer Verdopplung der Paketmenge – von 1,6 Milliarden auf 3,2 Milliarden pro Jahr.“ Bis dahin soll auch der Standort Mainz weiter ausgebaut werden. Die Halle wurde in diesem Bewusstsein entworfen und lässt unter der hohen Decke Platz für einen weiteren „Sorter“, wie das Laufband hier genannt wird.

Grüne Pläne für Mainz

Die Innenstädte sind bereits jetzt logistisch beinahe überlastet. Die Luft ist in vielen deutschen Städten so schlecht, dass Dieselfahrverbote verhängt werden. Der EU-weite Stickoxid-Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter wird nicht nur in Mainz überschritten. Mit noch mehr (Liefer) verkehr wird dieses Problem kaum kleiner. Die Städte sind zum Handeln gezwungen. Der „Green- City-Masterplan Mainz M³“ umfasst beispielsweise 70 Maßnahmen. Dazu beteiligt sich Mainz an dem von der Bundesregierung geförderten „Sofortprogramm saubere Luft 2017-2020“. Ganz freiwillig kommt die grüne Wende nicht – Ausgangspunkt für den Masterplan war wieder einmal eine Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die Dieselfahrverbote aufgrund der erhöhten NO2-Messwerte fordert. „Es sind viele verschiedene Maßnahmen, die jeweils einen kleinen Teil beitragen“, erklärt Sascha Müller vom Verkehrs- und Mobilitätsmanagement Mainz. Neben der CityBahn, dem Ausbau des Mietrad-Systems und einer verbesserten Radverkehrsinfrastruktur soll die gesamte Logistik neu überdacht werden. Besonders in den Morgenstunden blockieren Hermes, DHL und Co. mit ihren Lieferfahrzeugen die Wege und verpesten die Luft mit Abgasen. Probleme, die es zu lösen gilt. Städte wie Mainz wollen mögliche Sammelstellen für Lieferflotten prüfen, etwa in Parkhäusern oder am Stadtrand. Von dort aus könnte der Lieferverkehr gebündelt in die Innenstadt gebracht werden. Hermes hat eine Vereinbarung mit Mainz getroffen, laut der die blau-weiße Flotte ab 2019 elektrifiziert werden soll. Im Mai gehen zunächst fünf Elektrofahrzeuge in Betrieb. Bis spätestens 2025 soll die komplette Flotte elektrisch fahren. In einer Kooperation mit Daimler-Benz werden dann 80 deutsche Großstädte emissionsfrei beliefert.

Neue Lieferwege

Logistiker wie Hermes müssen sich grundlegend neu aufstellen. „Wir setzen für die Zukunft auf eine Kombination aus verschiedenen Methoden“, sagt Marc Ibold. „Mit unseren aktuellen Zustellschienen wird die Versandmenge der Zukunft nicht zu bewältigen sein.“ In Berlin etwa läuft gerade ein Pilotprojekt mit Cargobikes, kurios anmutenden Fahrrädern mit bis zu zwei Lastenanhängern. Auch in Mainz sind diese Räder mehr und mehr zu sehen. Aus sogenannten Mikrodepots holen die Fahrer kleine Container und liefern sie an Haushalte im Innenstadtgebiet. Eine weitere Entlastung stellen die Paketshops dar, Hermes hat hier deutschlandweit 15.069 Partner. Bereits jetzt lassen viele Kunden ihre Ware dorthin liefern, um sie abends oder die nächsten Tage abzuholen. Um dieses Angebot noch reizvoller zu machen, sollen noch weitere dazukommen, unter anderem in Banken. Außerdem will das Unternehmen Paketboxen aufstellen, von denen aus Kunden ihre Pakete sowohl versenden als auch empfangen können. Die Branche ist in Bewegung.

Zukunft ungewiss

Mit Blick in die Zukunft ist Hermes nur ein Puzzlestück eines großen Gesamtbildes, das alarmierend wirkt. Während die Mainzer Stadtverwaltung die Lage noch gelassen sieht, ist das Dieselfahrverbot in Frankfurt am Laufen. Als Reaktion wurde dort ein Pilotprojekt mit Straßenbahnen gestartet: Statt Transportern kann künftig auch die Tram Pakete ins Zentrum liefern. Der Online-Handel wächst weiter und damit auch die Logistik und der Verkehr. Wen wundert’s? Werben Amazon und Co. doch mit einem riesigen Angebot, exklusiven Rabatten und häufig kostenlosem Versand und Rückversand. Sorgloses Shopping für viele. Ein wenig schlechtes Gewissen verspürt man beim Rundgang im LC zwischen tausenden von H&M-Plastiktüten und Zalando-Paketen. Die Leidtragenden sind am Ende nicht nur die Dieselfahrer, sondern alle, denen etwas an sauberer Luft und der Umwelt liegt. Von den Arbeitsbedingungen einiger schwarzen Schafe der Branche mal ganz abgesehen. Kompletter Verzicht ist keine Option mehr. Aber vielleicht sollten wir uns vor der nächsten Bestellung fragen, ob wir unseren Einkauf nicht auch beim Laden um die Ecke erledigen können. Für die Umwelt.

Text Ida Schelenz Fotos Domenic Driessen

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