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Zusammen(H)alt: Wie Mainz gegen Einsamkeit im Alter ansingt, vorliest und Begegnungen schafft

Ehrenamtliche, Mitarbeitende und Begeisterte aus Mainz und Wiesbaden. Foto: Christoph Herpel.

Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft. Es gibt immer mehr Ältere, gleichzeitig nimmt Einsamkeit in allen Altersgruppen zu. Diese Entwicklung trifft auf eine Gesellschaft, in der Spaltung zunimmt. Doch unsere Region hat dem etwas entgegenzusetzen. Die folgende Auswahl zeigt was möglich ist.

Gute Laune beim Handarbeitstreff. Foto: Mina Mainz.

»Das ist unser Haus« – Mehrgenerationenhaus Finthen
Der Nähtreff ist in vollem Gange, als ich das Mehrgenerationenhaus „Römerquellen- Treff“ in Finthen betrete. Eine Besucherin drückt mir sofort ein Stück Kuchen in die Hand. »Das ist unser Haus«, sagt sie und lächelt. Diese Aussage wird in der familiären Atmosphäre direkt spürbar. Seit 20 Jahren gibt es das Mehrgenerationenhaus, koordiniert von Annica Haryono und Andrea Stinner. Jeden Monat ein gefüllter Plan voller kostenloser Angebote: Das »Öffentliche Wohnzimmer« ohne Termin zwischen 9 und 13 Uhr, Boule-Gruppe, Bewegungsangebote, Generationenfrühstück für Jung und Alt, eine Fahrradwerkstatt, in der alle Generationen zusammenkommen – manchmal helfen Jugendliche, manchmal Rentner. Die Idee ist „Empowerment“: Menschen befähigen, ihr Fahrrad selbst zu reparieren. Alles auf Spendenbasis. Während meines Besuchs bringen mehrere Frauen einem Mann den Umgang mit der Nähmaschine bei. »Meine Kühltasche braucht Henkel«, erklärt er auf meine Nachfrage, an welchem Nähprojekt er arbeite. Bis vor Kurzem wurden hier auch noch Babysöckchen für die Entbindungsstation eines Mainzer Krankenhauses gestrickt, erzählt mir eine Teilnehmerin. »Auch junge Leute, die Handarbeiten lernen wollen, sind uns willkommen «, betonen die Frauen. Es mangelt hier weder an guter Laune noch an Ideen. Das Haus ist Anlaufstelle für Menschen aus sehr verschiedenen Lebenswelten, die außerhalb der Einrichtung nicht aufeinander treffen würden. »Wir setzen uns ganz klar ein für Demokratie und Teilhabe aller«, sagen die Koordinatorinnen. Zwei Hauptamtliche mit jeweils halben Stellen und rund 40 Ehrenamtliche stemmen das Programm. Das größte Problem: Die Finanzierung ist nicht verstetigt. »Wir wünschen uns Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, damit möglichst viele Menschen teilnehmen können«, sagen Haryono und Stinner. Aktuell werden Ehrenamtliche für ein Repair-Café gesucht.

Kreativität in Gemeinschaft – die Seniorenwerkstatt der VHS
Seit 1991 treffen sich jede Woche rund 80 Seniorinnen und Senioren in der Seniorenwerkstatt der Volkshochschule Mainz. 16 kreative Angebote gibt es: von Handarbeiten über Töpfern, Musik, Filzen und Seidenmalerei bis zum Zeichnen. »Bei allem steht das gemeinsame Tun im Vordergrund «, erklärt Franziska Wienzek, Leiterin der Seniorenwerkstatt. »Die Teilnehmenden üben ihr Hobby in Gesellschaft Gleichgesinnter aus – man hilft sich gegenseitig, lernt voneinander, kommt miteinander ins Gespräch. « Was für die meisten wichtig ist: das Gespräch, gerne bei einer Tasse Kaffee. »Die Seniorenwerkstatt ist für unsere Teilnehmenden ein wichtiger Fixpunkt im Leben. Sie sind so angenommen, wie sie sind. Inklusion ist keine Worthülse«, sagt Wienzek. Teilnehmende feiern ihren Geburtstag mit ihrer Gruppe in der Werkstatt, weil eine Feier zu Hause vielleicht zu anstrengend wäre – hier hilft jede und jeder mit. Freundschaften entwickeln sich. »Auch wenn Fähigkeiten nachlassen, das kreative Tun verändern – unser Team entwickelt gemeinsam mit den Teilnehmenden Möglichkeiten, damit jede und jeder so lan- ge zu uns kommen kann, wie es selbstbestimmt geht.« Wienzek nennt es ihren Traumjob, ein absolut sinnhaftes Arbeitsgebiet. Seit Sommer 2023 gibt es auch »Seniorenwerkstatt vor Ort« mit Angeboten in zwei Stadtteilen.

Foto: Mobile Bücherei MZ.

Bücher gegen Einsamkeit – die Mobile Bücherei
2021 wurde die Mobile Bücherei Mainz als Initiative der damaligen „Gemeindeschwester plus“ in Kooperation mit der „Öffentlichen Bücherei – Anna Seghers“ gegründet. Das Ziel: alten Menschen in Mainz kulturelle Teilhabe ermöglichen. Ursula Nawrath, Diplombibliothekarin und ehrenamtliches Mitglied im Leitungsteam, erklärt: »Wir haben mit einem Buchlieferservice für hausgebundene Seniorinnen und Senioren begonnen. Bald kam ein Vorlese- und Besuchsdienst hinzu, um diese Menschen aus der Einsamkeit zu holen.« Als drittes Angebot wurden regelmäßige Vorlese- und Gesprächsveranstaltungen an über 25 Orten im Stadtgebiet etabliert. Rund 60 Ehrenamtliche engagieren sich hier. Die Mobile Bücherei finanziert sich ausschließlich durch Unterstützung der Stadt Mainz und Spenden. Was besonders gut ankommt: Themen aus der eigenen, bekannten Erfahrungswelt. »Manchmal sind wir sogar der einzige soziale Kontakt und Besuch«, berichtet Nawrath. Eine Geschichte bleibt hängen: Eine Seniorin, die erblindet ist, hat so großes Vertrauen zu ihrem ehrenamtlichen Besuchsdienst gefasst, dass sie ihn gebeten hat, ihr aus ihren eigenen Tagebüchern vorzulesen. Eine andere Dame erhält seit vier Jahren einmal wöchentlich Besuch. Sie sagt, sie freue sich die ganze Woche darauf. »Ich selbst halte mein Ehrenamt für eine absolut sinnstiftende Arbeit«, sagt Nawrath. »Als Bibliothekarin freut es mich besonders, dass Seniorinnen und Senioren nicht länger von den wichtigen Angeboten der Bücherei abgeschnitten sind.« Bei „Anna Seghers“ am Hauptbahnhof ist übrigens noch bis 10. Januar 2026 die Ausstellung „Licht-Blicke“ mit Gemälden von Eberhard Münch zu sehen. Die Mobile Bücherei sucht aktuell Unterstützung, um ihr Angebot bei hausgebundenen und anderen (einsamen) alten Menschen bekanntzumachen.

Foto: Stadt Mainz.

Ausverkauft – das Seniorenkino
Fast 300 Besucher, der gesamte Saal ausverkauft. Am 28. Oktober 2025 feierte das neue Mainzer Seniorenkino im Capitol seinen Auftakt. Die Idee stammt vom Seniorenbeirat der Stadt Mainz in Zusammenarbeit mit den Arthouse Kinos. Der frühe Beginn um 14 Uhr und der Eintrittspreis von nur 8 €, der ein Glas Sekt oder Orangensaft umfasst, fanden großen Zuspruch. Das Mainzer Seniorenkino findet jeden letzten Dienstag im Monat statt. Das vierteljährlich erscheinende Programm wird über Senioreneinrichtungen und Flyer verbreitet, sodass auch Nicht-Internetnutzer informiert werden. Die Idee wurde von einem Modell aus Essen inspiriert, das sich dort bereits etabliert hatte. »Wir haben gesehen, dass ein solches Angebot auch in Mainz eine wertvolle Bereicherung darstellt«, so Mitinitiator Dieter Oberhollenzer.

Singen für alle – Seelenbalsam im Quartiershaus
»Alles ist besser, als alleine zuhause rumzusitzen«, sagt Markus Schöllhorn. Seit sieben Jahren organisiert er das Rudelsingen im Quartiershaus Gonsenheim. Kein Chor, keine Probe, einfach Spaß. Meist kommen Menschen über 40. »Ich bringe Menschen in Verbindung, verschaffe schöne Erlebnisse.«, sagt Schöllhorn. Inzwischen sind neue Formate hinzugekommen: Tanztee, musikalische Lesungen, Konzerte, sogar eine Disko. Alle Angebote auf Spendenbasis, organisiert von ihm alleine. Die Rückmeldungen: »Die Menschen fühlen sich wohl. Es ist eine herzliche Atmosphäre mit Spaß und großer Willkommenskultur.« Schöllhorn plant für nächstes Jahr zwei Tanztee-Veranstaltungen – so richtig wie früher in der Tanzschule, Gesellschaftstanz. Das Hauptproblem: genügend tanzwillige Männer zu finden. Seine Botschaft an ältere Menschen: »Ältere Menschen dürfen sich gerne öfter trauen, zu angebotenen Veranstaltungen zu gehen. Auch mit 70 kann man noch das Tanzbein schwingen.«

Beratung und Unterstützung – die Gemeindeschwester plus
Seit 2020 gibt es das Team »Leben im Alter« der Stadt Mainz. Sieben Hauptamtliche und unzählige Ehrenamtliche in den Netzwerken bieten kostenfreie präventive Beratung mit den Schwerpunkten Gesundheitsförderung und Einsamkeitsprävention. Sie schaffen niedrigschwellige und kostengünstige oder -freie Angebote in den einzelnen Stadtteilen, begleiten und unterstützen Seniorennetzwerke, entwickeln kultursensible Beratung und führen die Geschäfte des Mainzer Seniorenbeirats. Ein Angebot des Teams „Leben im Alter“ der Stadt ist das Programm Gemeindeschwester plus. Das Programm unterstützt dabei, so lange wie möglich selbstbestimmt in der vertrauten Umgebung zu leben, indem es präventive Beratung und Hilfen bietet, ohne pflegerische Tätigkeiten auszuführen. Fachkräfte führen Hausbesuche durch, beraten zu Themen wie Alltagsbewältigung und leiten bei Bedarf an Pflegestützpunkte weiter. Das in Mainz angebotene Programm wird vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation & Digitalisierung Rheinland-Pfalz gefördert. Aktuell gibt es hier drei Mitarbeitende. Tobias Kaiser, Fachkraft im Landesprogramm Gemeindeschwester plus, erklärt: »Barrierefreier Zugang und somit Teilhabe für alle Senioren wäre ohne unsere Arbeit nicht gewährleistet. Wir erreichen Menschen, die sonst nicht erreicht werden, zum Beispiel wegen fehlender Mobilität.« Besonders beliebt sind Beratungsangebote, Großveranstaltungen wie Adventskaffee, Kreppelkaffee, Tanzcafé, Seniorenkinos, Herbstkonzert, Fachvorträge und Infoveranstaltungen. Es gibt eine interkulturelle Laufgruppe für Frauen und eine Stelle für kultursensible Beratung. Die Rück- meldungen sind positiv und dankbar: »Menschen sind froh, dass sie eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner haben.« Herausforderungen bleiben u. a. die finanziellen Ressourcen der Kommunen, heterogene Altersstrukturen, mögliche Sprachbarrieren und fehlende kultursensible Angebote für Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund. Kaiser wünscht sich »mehr gesellschaftliches und bürgerliches Engagement wie Nachbarschaftshilfen und gegenseitiges aufeinander Aufpassen.«

Aufeinander aufpassen
Was alle diese Angebote verbindet: Menschen schaffen Räume, in denen andere sich wohlfühlen, gesehen werden, teilhaben können. Es geht um Begegnung und Gemeinschaft. Bei der 7. Demografiewoche Rheinland-Pfalz (3. bis 10. November 2025) unter dem Motto „Gemeinsam gestalten wir ein Zuhause für alle“ sagte Ministerpräsident Alexander Schweitzer: „Es braucht einen starken Sozialstaat, um die Demokratie zu schützen. Wenn Menschen aufeinander aufpassen, sehen, dass auch der Staat da ist, ist dies etwas, was dem Populismus entgegengesetzt werden kann.“ Die Demografiewoche stellte „sorgende Gemeinschaften“ in den Mittelpunkt – Netzwerke, die dazu beitragen, Menschen mit Unterstützungsbedarf einen langen Verbleib im angestammten Quartier zu ermöglichen. Genau solche Strukturen sind es, die in Mainz bereits existieren und die diesen Artikel prägen: Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die Begegnungsräume schaffen, Menschen verbinden und so dem demografischen Wandel aktiv

Was die vorgestellten Projekte verbindet, lässt sich mit Ruth Cohns Satz zusammenfassen: »Ich bin nicht allmächtig, ich bin nicht ohnmächtig, ich bin partiell mächtig.« Die Psychoanalytikerin beschrieb eine Haltung, die sich hier zeigt: Menschen nutzen ihre Handlungsmöglichkeiten, schaffen Begegnungsräume. Dies ergibt ein Netz, das trägt. Ein Netz, das – wie Ministerpräsident Alexander Schweitzer zur Demografiewoche formulierte – »dem Populismus etwas entgegensetzt, weil Menschen erfahren, dass sie nicht allein sind, dass aufeinander aufgepasst wird«. Das ist aktive Demokratiearbeit im Alltag, auch über Generationengrenzen hinweg. Ein Zusammenhalt, der den Namen verdient.

Text: Mina Mainz

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