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sensor Titelstory Juni: Hauptsache gesund

RETTIG_SeeleGesundheit_@WEB_01_web
Text Ejo Eckerle
Fotos Daniel Rettig

Wege zu sich selbst: Was Menschen tun können, die Krankheiten überwinden oder vermeiden wollen.

Reich werden und gesund bleiben. Jung bleiben, aber alt sterben. Es ist die immer währende Suche nach der Formel des ewigen Glücks, die uns umtreibt. Und über allem steht Omas Lebensweisheit: „Hauptsache gesund!“. Doch was heißt gesund eigentlich und wie erhält man diesen Zustand? Einige Antworten könnten so lauten: Achten Sie auf sich selbst, finden Sie Wege der Ruhe und Entspannung, arbeiten Sie nicht. Bewegen Sie sich, am besten täglich – und damit ist mehr gemeint als die Runde mit Hund um den Block. Schauen Sie auch auf Wege abseits der ausgetretenen Pfade der Schulmedizin.

Achten auf sich selbst

Wenn das mal so einfach wäre! Martina Fritz (48 Jahre) aus Mainz hat erlebt, was es heißt, Signale des Körper und der Seele zu überhören. Nach einer Ausbildung zur Programmiererin fand sie sich in einer Männerwelt wieder, in der höchste Effizienz das Ideal war, die es zu erfüllen galt. Wie viele Frauen ihrer Generation, gut ausgebildet mit hohen Ansprüchen an sich selbst und ihr Leben, versuchte sie allem gerecht zu werden: eine alleinerziehende Mutter, die zwei Kinder und eine Teilzeitstelle, die eigentlich ein Full- Time-Job war, unter den Hut bringen muss. „Irgendwann dachte ich mir, das kann doch nicht alles gewesen sein. Da gibt es etwas, was ich geben kann und es ist nicht dieses ständige am Computer zu sitzen und meine Kinder anzumaulen.“ Lange hat sie hin und her überlegt, worin ihr neuer Lebensinhalt bestehen könnte. Sind es alte Leute oder Kinder, denen sie sich künftig widmen will? Sie spielte mit dem Gedanken, eine Pflegeausbildung zu machen. Der Umzug mit ihrem neuen Lebensgefährten von Düsseldorf nach Budenheim brachte schließlich die Wende. Ihr Interesse an Spiritualität wuchs und nach einer Yogareise, die sie nach Bali führte, wurde ihr klar, dass sie einen guten Zugang zur Meditation hat. Dieses Talent wollte sie nutzen. Martina Fritz lies sich zur MBSR-Lehrerin ausbilden, seit kurzem betreibt sie ihr eigenes Studio. MBSR steht für „Mindfulness-Based Stress Reduction“. Die Methode wurde von dem amerikanischen Molekularbiologen Jon-Kabat Zinn in den 70er-Jahren entwickelt und beinhaltet ein Programm zur Stressbewältigung mittels gezielter Einübung von Achtsamkeit auf sich selbst und seine Umgebung. Das kann vieles bedeuten. Scheinbar Nebensächliches rückt in den Fokus, sagt Martina Fritz: „Ob es darum geht, in Achtsamkeit den Abwasch machen, in Achtsamkeit sich das Gesicht waschen oder in Achtsamkeit zu essen.“ MBSR vereinigt wie viele Achtsamkeitstechniken eine ganze Reihe von Übungselementen in sich, die es in einem achtwöchigen Kurs zu erlernen gilt. Sie alle sind letztlich aus körpertherapeutischen Methoden abgeleitet. Dazu zählt bewusstes Atmen ebenso wie Yoga, gewaltfreie Kommunikation sowie Meditationen. Am Ende der Reise zu sich selbst steht schließlich die Stille. Alle Teilnehmer eines MBSR-Kurses verbringen schweigend – und achtsam – einen Tag gemeinsam. Danach soll das Erlernte in den Alltag überführt werden. 45 Minuten tägliches Training wird empfohlen. Ein MBSR-Kurs-Teilnehmer beschreibt seine Erfahrungen so: „Zum Wissen muss die ständige Übung dazu kommen. Da sitzt natürlich der Haken: Geht es einem gut, denkt man nicht ans Meditieren, fühlt man sich schlecht, hat man nicht mehr die Kraft dazu. Ganz ohne Disziplin geht es also nicht.“ Martina Fritz sagt: „Es ist ein Experiment, auf das sich die Menschen einlassen. MBSR ist der Reiseführer. Es gibt kein Heilungsversprechen für etwas.“ Aber es gibt deutliche Hinweise darauf, dass MBSR tatsächlich mehr ist als ein Wohlfühlangebot mit spirituellem Hintergrund. Die Wirkung der achtsamkeits-basierten Stressreduktion ist mittlerweile gut erforscht. Zuletzt hat eine Studie 2010 nachgewiesen, dass MBSR Angst und Depressionen lindern hilft. 15 Teilnehmer eines MBSR-Kurses des Massachusetts General Hospital im amerikanischen Boston unterzogen sich anschließend einer Kernspintomographie. Nach dem Meditieren waren Teile der vorderen Hirnrinde verstärkt durchblutet – also genau jene Areale, die unsere Gefühle regulieren. Das Gehirn hatte eine Wandlung durchgemacht, Ängste lösten sich auf. Das Ergebnis von mehr Achtsamkeit und Bewusstheit im Alltag.

Spielen statt arbeiten

Um es vorweg zu nehmen: Derjenige, der uns spielen statt arbeiten empfiehlt, ist alles andere als ein Faulpelz. Als Jugendlicher unter Versagensängsten leidend und zum Schulversager abgestempelt, absolviert er eine Koch- und Konditorlehre. Er heuert als Schiffskoch an und bereist die Meere. Ende Zwanzig holt er das Abitur nach und studiert Medizin. Der Spätentwickler hatte endlich seine Bestimmung gefunden. Doch damit war sein Weg noch nicht zu Ende. Nach einer Assistentenzeit in der Urologie und Chirurgie ließ er sich zum Facharzt für psychotherapeutische Medizin ausbilden. Wer ihm heute in seiner Wiesbadener Praxis gegenübersitzt, lernt einen entspannten 70-jährigen Mann kennen, der nicht nur jünger wirkt als er ist, sondern auch seinen Gesprächspartner zu verblüffen weiß: „Meinen Patienten sage ich immer wieder, dass ich ihnen meine Zeit nicht widmete, wenn es Arbeit für mich wäre. Ich mache nur das, was mich interessiert. Wenn man sein Leben der Arbeit unterwirft, ist man ein Slave. Und freie Menschen arbeiten nicht.“ Diese Sichtweise aufs Leben versucht Dr. Rainer Mathias Dunkel seinen Patienten nahe zu bringen. Kein leichtes Unterfangen. In seinem Sprechzimmer sitzen gestresste Manager, depressive Hausfrauen, von Rückenschmerzen und Ängsten geplagte Banker. Ihnen allen rät er im Grunde nur eines: Nicht etwas müssen, sondern etwas wollen. „Arbeit ist fremdbestimmte Mühsal und bedeutet Einengung. Spiel bedeutet Freiheit. Dagegen steht die erzwungene Arbeit, die Mühe.“ Dunkel hat am eigenen Leib erlebt, was das bedeutet. Sein Arbeitsleben begann mit einem Paukenschlag. Nach dem ersten Tag seiner Konditorlehre, die er knapp 17-jährig begonnen hatte, wurde er krank. Eine heftige Mandelentzündung streckte ihn nieder. „Mit dem Eintritt in die Konditorlehre war mir wohl mehr oder weniger unbewusst klar geworden, dass es jetzt wohl ernst wurde, wogegen ich mich mit vegetativen unbewussten Anstrengungen zur Wehr setzte. Der Schock es ersten Arbeitstages hatte sich bei mir in eine manifeste Erkrankung verwandelt.“ In der Folge machte Dunkel Bekanntschaft mit dem System der Psychiatrie, und zwar als Patient. Was zunächst als psychotische Episode diagnostiziert wurde, wuchs sich nach mehreren Klinikaufenthalten und Begutachtungen schließlich zu einer Schizophrenie mit manischen Zügen aus. Dunkel galt als psychisches Wrack mit schlechten Aussichten auf Genesung. „Alle meine jugendlichen Visionen galten als irreal und pathologisch. Ich glaubte dennoch an mich. Ich gab mir Kredit. Vor allem aber wollte ich nicht arbeiten. Denn die Arbeit hat mich krank gemacht.“ Dunkels therapeutischer Ansatz (In seinem Buch „Glücklich ohne Arbeit, Durch Einbildungskraft zum Erfolg“ entwickelt er seine Thesen) ist ein Frontalangriff auf unsere calvinistisch geprägte Arbeitsethik. In ihr gilt Arbeit als erstrebenswertes Ideal. Wer nicht arbeitet, verschleudert eine Gnadengabe. Wer einem Bettler etwas gibt, hält ihn davon ab, selber in den Genuss der Arbeit zu gelangen. Arbeit als der von Gott vorgeschriebene Selbstzweck des Lebens. Das Spiel dagegen, sagt Dunkel, ist eigenmotiviert und erzeugt ein Freiheitsgefühl. Arbeit jedoch sei Zwang. Gegen den Zwang entwickle sich der Widerstand: „Alle Phasen der Lust spielen sich primär in einem kleinen Hirnareal ab, im Nucleus accumbens, unseres Belohnungszentrums. Das Belohnungszentrum verknüpft die Umstände der Tätigkeit mit der Psychomotorik. Schöne Erlebnisse lösen über das Dopamin, Adrenalin und Serotonin eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum aus.“ Dunkel bringt seine Patienten in Schwung. Das ist mitunter durchaus wörtlich gemeint. Einem erschöpften, Burn-out-geplagten Unternehmer empfahl er Sport. Seine depressiven Stimmungen lösten sich auf. „Nachdem ich ihm umrissen hatte, dass wir Menschen Jäger sind, die sich beispielsweise wie Hunde und Wölfe sehr gerne bewegen und dass wir uns aufgrund unserer eigenen Domestikation die Bewegungsfreude abtrainiert haben, wurde er immer interessierter an der täglichen Bewegung.“ So wie Dunkel auch. Täglich joggt er durch den Park. Aus purer Freude.

Bewegen und richtig ernähren hilft

Sport macht nicht nur glücklicher, neuere Erkenntnisse legen zudem nahe, dass körperliches Training sogar vor Krebs schützen kann. Am besten erforscht ist der Effekt von Bewegung auf Brust- und Darmkrebs. Wie Sport und Krebs im Detail zusammenhängen ist zwar noch unbekannt, Übergewicht wird jedoch als eine Ursache vieler Krebsarten angesehen. Insbesondere im Bauchfett werden entzündungsfördernde Stoffe wie Leptin, Interleukin- 6 und Östrogen gebildet. Diese wandern in andere Körperregionen ein und fördern dort das Zellwachstum, zum Beispiel die Entstehung von Tumoren. Daher sollen auch Fastenkuren sowie eine ausgewogene Ernährung den Körper entschlacken und sauber halten. Wenngleich die letzten Beweise dafür noch ausstehen, legen Beobachtungsstudien aber den Schluss nahe, dass körperlich aktivere Darm- und Brustkrebspatienten später sterben als solche, die einen passiven Lebensstil pflegen. „Spirit of Athletica“ nennt sich das Fitness-Studio, das Milan Trabert in der Mainzer Innenstadt eröffnet hat. Dass in diesen Räumen ein anderer Geist herrscht, merkt der Besucher schon nach wenigen Minuten. Hier schwingen keine schwer ächzenden Muskelposer vor wandhohen Spiegelwänden ihre Hanteln, denn dieses Studio steht nur Frauen und Kindern beiderlei Geschlechts bis zu 12 Jahren offen. Den klassischen Fitness-Kunden, soviel wird klar, hat man hier nicht im Blick. Besonderen Wert legt Trabert, der Sportökonomie studiert hat und ausgebildeter Trainer für Fitness- und Sportrehabilitation ist, auf einen umfangreichen Cardio-Geräte-Park. Sport gegen Krebs gehört zum Angebot des Studios. Trabert verweist auf die präventiven Effekte, die Sport in diesem Zusammenhang erzielt: die Stärkung des Immunsystems, die Förderung des allgemeinen Wohlbefindens bis hin zur Reduzierung von Nebenwirkungen, die eine traditionelle Krebstherapie mit sich bringt, wie etwa der Linderung des berüchtigten „Strahlenkaters“. Auch dem häufig auftretenden Muskelschwund, den eine Tumortherapie auslöst, könne mit Sport wirksam begegnet werden. Zum anderen verbrennt der Körper beim Sport auch Zucker – und sinkt der Blutzucker, fällt es auch Krebszellen schwerer, sich zu vermehren.

Stimulieren, nicht resignieren

Im Heidesheimer Zentrum für biologische Krebstherapie hat sich eine aufmerksame Zuhörerschar eingefunden. Der Heilpraktiker Daniel Petrak stellt gleich zu Anfang klar: „Wir pendeln hier nichts aus!“ Er und sein Kollege K. H. Anam Jost stehen für einen neuen Weg in der Krebstherapie, eine Behandlungsform, die sich als komplementäre Onkologie versteht, gewissermaßen als Schnittstelle zwischen schulmedizinischen und naturheilkundlichen Therapien. Ziel ist die Stärkung der körpereigenen Abwehr. Killer Krebs wird dabei von natürlichen Killerzellen in die Zange genommen. Dem Verfahren liegt ein Zellfunktions-Test zugrunde, der die Grundaktivität der Immunabwehr misst. Mit so genannten Immun- Modulatoren kann diese stimuliert werden. Dabei kommen Substanzen bzw. Mikronährstoffe zum Einsatz, die zum Beispiel aus der Mistel gewonnen werden. Petrak zeigt aber auch deutlich die Grenzen auf. Nichtoperable Tumore wie Leukämie oder Hirntumore würden von der biologischen Krebstherapie nicht erfasst. Das Verfahren verspricht aber etwas sehr wichtiges: Ein großes Stück mehr an Lebensqualität bei der Bewältigung dieser Krankheit. Wunder darf sich niemand davon erwarten: „Unsere Aufgabe besteht nicht in der Beseitigung eines Tumors. Wir sehen unseren Praxisschwerpunkt darin, das Immunsystem unserer Patienten in die Lage zu versetzen, möglichst optimal dem Tumorgeschehen ein Gegengewicht entgegen zu setzen.“ Dazu zählt auch die Behandlung der oft schweren Nebenwirkungen, die Bestrahlungen und Chemotherapie mit sich bringen. Was uns gesund macht, liegt also häufig in unserem eigenen Handeln. Ob Achtsamkeit, Bewegung, Ernährung, Perspektivenwechsel oder das Beschreiten eines neues Pfades. Hauptsache gesund!