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sensor-Kolumne: Dr. Treznok feiert den 8. Mai

DrTreznok
Der diesjährige Rosenmontagszug musste wegen terroristischer Sturmböen abgesagt werden. Weil es doch schade gewesen wäre, die schönen Wägen und phantasievollen Trachten nicht zu zeigen, wird der Zug nachgeholt, und zwar am 8. Mai. Mit Fassenacht hat das nichts zu tun, schließlich darf man nur vom 11. 11. bis zum Aschermittwoch Helau rufen. Deshalb heißt das Ganze auch nicht Rosenmontagszug, sondern Rheinhessen- Umzug. Rheinhessen-Umzug heißt es deshalb, weil wir in diesem Jahr 200 Jahre Rheinhessen feiern. Da kommt ein überschüssiger Rosenmontagszug gerade recht, um zu zeigen, was die Region so an kultureller Tradition drauf hat.

Die Homepage zum 200-jährigen Jubiläum verspricht 1.000 Gründe, um dies zu feiern. Nun kommt überraschend der 1001. Grund dazu, nämlich ein abgesagter Rosenmontagszug. Stellt sich die Frage, warum dies gerade am 8. Mai sein muss. Es gibt wahrscheinlich 1.000 Gründe, warum man den 8. Mai feiern kann. Zum Beispiel wurde am 8. Mai 1886 Coca-Cola erfunden. Das ist zwar kein richtiges Jubiläum, aber feiern kann man das trotzdem. Fußballfans könnten den 8. Mai 1974 nachfeiern. An diesem Tag hat der 1.FC Magdeburg den AC Mailand geschlagen und den Europapokal gewonnen. Es gibt auch traurige Gründe für eine 8. Mai- Feier: Am 8. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof, eine Führungsfigur der Rote Armee Fraktion, in ihrer Gefängniszelle ermordet.

Der 8. Mai ist auch der Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Danach wurde Deutschland in vier Zonen aufgeteilt, Mainz kam wie so oft in seiner Geschichte unter französische Besatzung. Ob das allerdings Grund genug ist, einen Rosenmontagszug nachzuholen? Auch wenn die Mainzer Fassenachtsfarben kein Ausdruck des Protestes gegen französische Uniformen ist, kommt mir der Zusammenhang fragwürdig vor. Was es zumindest nicht am 8. Mai zu feiern gibt, ist irgendwas mit Rheinhessen. An diesem Tag ist vor 200 Jahren nichts Bedeutendes passiert, jedenfalls nicht in Rheinhessen. Muss ja auch nicht, grundloses Feiern ist schließlich nie verkehrt.

Und dass es genug Gründe gibt, den 8. Mai zu feiern, kann niemand leugnen. Man muss sie nur mit Rheinhessen in Verbindung bringen. Coca Cola gibt es auch in Rheinhessen, was also läge näher als am 8. Mai von Weck Worscht und Woi auf Weck Worscht und Coca Cola umzusteigen und so den 130. Geburtstag von Coca Cola zu ehren? Und vielleicht schaffen es unsere Nullfünfer ja, dem großen 1.FC Magdeburg nachzueifern, und sie gewinnen im kommenden Jahr den Europapokal. Diesen Triumph könnte man in diesem Jahr schon vorfeiern, natürlich am 8. Mai.

Ein echter Feiergrund dagegen ist natürlich der Muttertag, ebenfalls am 8. Mai. Wobei der erste offizielle Muttertag am 10. Mai 1914 in den USA erfunden wurde und nun 102 Jahre alt wird. Ein Jubiläum ist das nicht, und mit Rheinhessen hat der Muttertag auch nichts zu tun, aber im Trubel der großen Sause kann und sollte man ihn einfach mitfeiern. Immerhin wären wir ohne unsere Mütter alle nicht auf der Welt. Auch Ulrike Meinhof und der Erfinder von Coca Cola hatten eine Mutter, ohne die dieser Tag nun bedeutungslos wäre. Alle, die am 2. Weltkrieg beteiligt waren, hatten Mütter, ohne die es weder einen Krieg noch die bedingungslose Kapitulation am 8. Mai gegeben hätte. Ohne Mütter wäre die Menschheit längst ausgestorben und Rheinhessen noch nicht mal eine erwähnenswerte Provinz.

Das sollte Grund genug sein, den Muttertag als moralische Basis für den großen Rheinhessen-Umzug zu nehmen. Ohne Mütter keine Narren, ohne Narren kein Rosenmontagszug, ohne Rosenmontagszug kein abgesagter Zug und ohne den abgesagten Zug kein Rheinhessen-Umzug. Damit hätten wir nun also auch einen Bezug zwischen dem Muttertag und Rheinhessen gefunden. Meine Mutter ist leider vor ein paar Jahren verstorben, allerdings am 5. Mai, deshalb werde ich ihr am 8. Mai keine Blumen schenken. Immerhin ist sie in Aschersleben gestorben, was vor den Toren Magdeburgs liegt, und der 1.FC Magdeburg hat an einem 8. Mai den größten Tag seiner Vereinsgeschichte erlebt. So schließt sich der Kreis, und ich freue mich schon auf die 999 anderen Gründe, Rheinhessen zu feiern.