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Rolf Weber-Schmidt schließt seine „Galerie Mainzer Kunst“

Aus der Allgemeinen Zeitung von Michael Jacobs:

Als Rolf Weber-Schmidt im August unter dem Titel „Kabinettstückchen“ einen Querschnitt des Schaffens von Künstlern seines Hauses präsentierte, war dieser „Best of“-Schau schon der Abschied eingeschrieben. Mehr als zwölf Jahre erhellten die Premium-Ausstellungen in den sonnendurchfluteten Räumen der „Galerie Mainzer Kunst“ am Weihergarten 11 die zunehmend trostlosere Kunstszene der Stadt. Jetzt gehen auch dort die Lichter aus. Zum Ende des Jahres schließt Weber-Schmidt seine Galerie, die er mit viel Herzblut, Professionalität und Kunstverstand in der urbanen Diaspora betrieben hat. Wer den Galeristen, der so leidenschaftlich für die Kunst und seine Künstler lebt, kennt, weiß, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen sein muss.
Ein Bündel von Faktoren habe ihn zur Aufgabe gezwungen, erzählt er. „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich gravierend verschlechtert.“ Neben dem Rückgang der Verkaufsumsätze bei steigenden Mietkosten nagt die Erhöhung der Mehrwertsteuer an der Existenz. Seit 2014 müssen Galeristen bei jedem Kunst-Deal 19 Prozent an den Fiskus abtreten. Künstler zahlen beim direkten Atelierverkauf lediglich sieben Prozent Steuern. Für die Galerien sei dies eine eklatante Ungleichbehandlung. Zudem lichtet sich altersbedingt der treue Kundenstamm der Sammler. Junge, kunstbegeisterte Käufer folgen nicht nach. Und am bittersten vielleicht die Erkenntnis, dass in Mainz alles, was nach Fastnacht, Fußball oder Weinfesten riecht, boomt, während das Interesse an guter Kunst drastisch abgenommen habe. Die Besucherzahlen der durchweg hochkarätigen Ausstellungen gehen zurück. „Die Leute sind nicht mehr bereit, für Kunst Geld auszugeben.“

Als Weber-Schmidt, ehemals Personaldirektor eines großen Gastronomieunternehmens, das die Mitarbeiter des Pharmakonzerns Hoechst verköstigte, 2006 im Alter von 50 Jahren seine Galerie im Herzen der Altstadt eröffnet, ist das auch eine Trotzreaktion gegen die Schließung der städtischen Brückenturm-Galerie 2003. Mit seinem Konzept, renommierten Künstlern der Rhein-Main-Region ein Präsentations- und Verkaufsforum zu bieten, setzt er Maßstäbe. In mehr als 120 Ausstellungen, teilweise auch im Rathaus, im Landesmuseum oder in Kirchen, hat er die Besten des regionalen Kunstschaffens mit Ideenreichtum dem Publikum nahegebracht. Wer Werke mit Anspruch, aber auch Witz sehen wollte, musste in die „Galerie Mainzer Kunst“. Wolf Gerlach zeigte hier seine Mainzelmännchen-Kapriolen, Peter Gaymann Cartoons aus dem „Huhniversum“, Armin Mueller-Stahl „Menschenbilder“. Endlos ließe sich die Reihe klangvoller Namen fortsetzen, deren Arbeiten die Wände von Weber-Schmidts 70 Quadratmeter großem Kunst-Dorado zierten: Gustl Stark, Thomas Duttenhoefer, Gertrude Degenhardt, Achim Ribbeck, Eberhard Linke, Georg Baselitz, Janosch, Günter Grass … Themenschauen wie ein Exponatenreigen rund um den Hund gehören ebenso zum Präsentationsportfolio wie Freiluftmalerei, Buchkunst oder eine Retrospektive zu 30 Jahren Mainzer Stadtdrucker.

Knapp 50 regionale Künstler hat Weber-Schmidt in der Galerie gelistet. Dank seines prominenten Kreativenpools gehören Landes- und Dommuseum, Deutsches Kabarettarchiv und die Stadt zu den Referenzkunden. Mit Begeisterungsfähigkeit und Kommunikationsgeschick bringt er das Haus auf die Erfolgsspur, verschafft sich ein beachtliches Renommee in der Branche. Nicht selten drängeln die Besucher bei Vernissagen bis auf die Straße.

Doch diese Zeiten sind passé. Die in der Gaustraße begonnene Mainzer Galerien-Dämmerung hat ihr Flaggschiff erreicht. Nachdem vor drei Jahren schon die Altstadt Galerie Lehnert am Kirschgarten dichtgemacht hat, wird es außer einem Häuflein von Künstlern betriebener Produzentenläden, die sich selbst vermarkten, in der Innenstadt keine professionell geführte Galerie mit Qualitätssiegel mehr geben. Übrig geblieben ist allein das an der nationalen und internationalen Gegenwartskunst orientierte Zentrum „Cadoro“ von Dorothea van der Koelen in Hechtsheim. Die lokale Kunstszene verödet. Auch weil sich die Stadt außerstande sieht, geeignete Präsentationsräume zu bieten. Temporäre Leerstandsbespielungen wie jüngst in den Markthäusern helfen wenig, zumal dort auch Künstler ihre Werke direkt feilboten, die Weber-Schmidt in seiner Galerie führt. In den höheren Sphären der Kunsthalle finden regionale Kreative kaum Zutritt. Der Kulturverein Peng muss sein Zwischendomizil im Alten Rohrlager noch dieses Jahr räumen.

„Ein Armutszeugnis für eine Landeshauptstadt“, bilanziert Weber-Schmidt, der jetzt – auch aus gesundheitlichen Gründen – von seinem Lebenstraum lassen muss. Doch das Herz blutet. „Ich bin stolz auf das Erreichte. Aber vom Ruhm allein kann man nicht leben.“ Eine Schau mit Grafiken von Cyrus Overbeck, Vernissage am 17. November, wird die letzte Ausstellung sein. Am 31. Dezember ist die „Galerie Mainzer Kunst“ Geschichte – eine traurige.

Foto: Sascha Kopp

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