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Offline Dating in Mainz: Keine Swipes im echten Leben

Im Mainzer Off haben die Teilnehmenden des Club Amore Events Augenmasken auf, damit das Blind Date auf der Bühne funktionieren kann. Der Raum ist dunkel, an der Decke hängen einige Discokugeln.
Augenmasken auf beim Blind Date des Club Amore. Foto: Katarina Bergmann

Ein Raum voller Singles. Musik, Scheinwerferlicht, Diskokugeln – und Augenmasken, die vor Beginn der Show verteilt wurden. Im Mainzer „Off“ (Ludwigsstraße 4) ziehen sich an diesem Donnerstagabend rund hundert Menschen gleichzeitig die Masken über. Für einen Moment ist alles schwarz. Dann verlesen die Hosts zwei Namen. Die Auserwählten werden von den Moderatoren auf die Bühne geführt. Das Publikum darf die Masken wieder abnehmen – nur die beiden oben behalten sie auf. Blind Date vor Publikum.

Dann sitzt Alina Kolpakova auf der Bühne. Sie ist 30 Jahre alt, hat lange rote Locken und stammt ursprünglich aus der Ukraine. Obwohl sie sich selbst als schüchtern beschreibt, hat sie sich entschieden, mitzumachen. „Ich habe einfach gedacht: Ich versuche es“, sagt sie später. Alina ist nicht hier, weil ihr Dating besonders viel Spaß bereitet. Sondern weil sie müde vom OnlineDating ist. Der „Club Amore“ soll ein Gegenentwurf zu dem sein, was Dating heute für viele bedeutet: Frust, Wiederholungen, Erschöpfung.

Das süße Versprechen

„Online-Dating war noch nie so einfach“, schreibt Tinder auf seiner Website. Das Versprechen ist klar: swipen, matchen, schreiben, treffen, verlieben und das alles möglichst unkompliziert. Dass das Prinzip viele anspricht, zeigen die Zahlen: Eine Untersuchung von Bitkom Research aus dem vergangenen Jahr ergibt, dass 53 % der Internetnutzenden in Deutschland bereits Online-Dating-Angebote genutzt haben. 2022 waren es noch 33 %. Innerhalb weniger Jahre ist die Nutzung also deutlich gestiegen. Gleichzeitig entscheiden sich immer mehr Menschen bewusst gegen die Apps – so auch Alina. Sie hatte Dating-Apps nur kurze Zeit genutzt. Ein Mann habe sich jünger gemacht, als er eigentlich war. „Als wir geklärt haben, dass es nicht passt, habe ich ihn gefragt, wie alt er wirklich ist. Erst dann hat er es gesagt“, erzählt sie und lacht. Mit anderen schrieb sie einige Tage, dann brach der Kontakt plötzlich ab. „Ich habe gefragt, ob alles gut ist. Aber sie haben sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht haben sie jemand anderen getroffen… Aber man kann das ja auch einfach sagen.“ Viele seien auf Dating-Apps nicht ehrlich, meint Alina. „Manche schreiben, sie wollen eine feste Beziehung. Und dann fragen sie nur nach Sex. Sie schreiben einfach rein, was gut ankommt.“ Neben falschen Angaben und Ghosting habe sie oft das Gefühl gehabt, viel Zeit zu investieren, ohne dass sich etwas daraus entwickelt. Und dann war da noch mehr als nur Frust. Über eine App lernte sie einen Mann kennen, der zunächst wie für sie gemacht schien. „Sehr nett, ein echter Gentleman. Genau das, was sich viele Frauen wünschen.“ Dann wurde er ihr gegenüber gewalttätig. Die Beziehung dauerte nur wenige Monate. Danach löschte sie alles. „Ich habe gedacht: Auf keinen Fall mehr Dating-Apps. Nie wieder.“ Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Auch in ihrem Umfeld hätten viele schlechte Erfahrungen gemacht. „Alle sind müde“, sagt sie und winkt ab.

Dating-App-Burnout

Zwar nutzen immer mehr Menschen in Deutschland Online-Dating-Angebote, doch parallel wächst die Ernüchterung. Gerade weil potenzielle Partnerinnen und Partner scheinbar in endloser Zahl nur einen Swipe entfernt sind, ist die Enttäuschung groß, wenn sich dennoch keine echte Verbindung aufbauen lässt. Eine Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr zeigt: 59 % der befragten Singles zwischen 18 und 60 Jahren gaben an, dass ihnen die Partnersuche im Internet emotionale Erschöpfung und Frustration bereitet hat. 37 % berichteten von Traurigkeit oder sogar depressiver Verstimmung, bei 28 % löste die Online-Suche Ärger oder Wut aus. Der Begriff „Dating Fatigue“ – Dating-Erschöpfung – taucht inzwischen immer häufiger auf. Gemeint ist weniger eine einzelne schlechte Erfahrung als ein wiederkehrendes Muster: schreiben, hoffen, enttäuscht werden und von vorn beginnen. Für manche bleibt das eine Phase, vergessen, sobald sie jemanden Passenden kennenlernen. Für andere ist es ein Anlass, neue Wege auszuprobieren. Solche, die nicht auf einem Display beginnen.

Eine echte Alternative?

Seit vergangenem Jahr gibt es in Mainz den „Club Amore“. Hinter der Eventreihe stehen Luise Klär und Zain Qureshi, die sonst Comedy- und Kulturformate organisieren. Die Idee entstand aus Gesprächen im Freundeskreis. „Viele hatten einfach keine Lust mehr auf Apps“, sagt Klär. „Alle erzählen ähnliche Geschichten.“ Gleichzeitig habe man gemerkt, wie sehr Menschen nach Corona wieder Lust auf echte Begegnungen hätten. Das Format ist bewusst spielerisch angelegt. Wer sich zum „Blind Date“ anmeldet, füllt im Voraus einen Fragebogen aus, die Hosts überlegen, wer zueinander passen könnte. Diese Personen lernen sich auf der Bühne mit verdeckten Augen kennen. In einer anderen Runde stellen Leute befreundete Singles vor. „Pitch your Friend“ heißt das Format. „Manchmal sehen Andere Dinge in dir, die du selbst nicht erzählen würdest“, sagt Qureshi. Die Regeln sind klar: respektvoller Umgang, kein Bloßstellen, ein Safe Space. „Niemand wird hier ausgelacht“, sagt Klär. Anders als beim klassischen Speed-Dating gehe es nicht darum, möglichst viele Gespräche in kurzer Zeit zu führen. „Wir wollen keinen Leistungsdruck erzeugen“, ergänzt Qureshi. „Man hat den ganzen Abend Zeit, auch in der Pause oder nach der Show ins Gespräch zu kommen.“ Was den Abend von Dating-Apps unterscheide, sei vor allem das Gefühl. „Hier entsteht eine Aufregung, aber eine ganz natürliche“, sagt Qureshi. „Nicht so ein künstlicher Dopamin-Kick, den man online hat.“ Während Apps schnelle Bestätigung versprechen, gehe es hier um echte Begegnung, mit allem, was dazugehört: Nervosität, Unsicherheit, vielleicht auch ein bisschen Mut.

Ein Versuch, der sich lohnt

Alina Kolpakova. Foto: privat

Genau diese Mischung aus Aufregung und Echtheit hat auch Alina gereizt. „Hier sieht man echte Menschen“, sagt sie. „Nicht nur Fotos.“ Auf der Bühne hat es bei diesem Event bei Alina trotzdem nicht gefunkt. Ein paar Wochen nach dem Club Amore erzählt sie von ihrem Abend. „Ich bin Pazifistin – und sie haben mich mit einem Soldaten gematched“, sagt sie lachend. „Ich habe sofort verstanden: Das geht nicht.“ Und doch nennt sie den Abend einen Erfolg. Nicht wegen eines Dates, sondern wegen der Begegnungen drumherum. „Ich habe vier Mädels kennengelernt“, erzählt sie und lächelt. Nach der Show ziehen sie noch weiter, gehen Karaoke singen. Der Abend sei anders verlaufen als vielleicht erhofft, aber trotzdem in Erinnerung geblieben. Vielleicht ist es genau das, was passiert, wenn man dem echten Leben noch eine Chance gibt. Nicht jedes Blind Date führt zu einer Beziehung und auch Offline-Events ersetzen Dating-Apps nicht automatisch. Menschliche Verbindungen sind und bleiben schwer planbar, aber wer sich darauf einlässt, gibt dem Zufall eine Chance.

Das nächste Club Amore Event findet am 16.04.26 im Mainzer „Off“ statt. Mehr Infos auf Insta: instagram.com/club.amore.mainz 

 

Text: Katarina Bergmann

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