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Nix los ohne Moos – geht das Mainzer Ehrenamt unter?

An einem Werktag, 11 Uhr, bei der Mainzer Tafel in der Heidelbergerfaßgasse. Der Andrang ist riesig, Vorstand Adolf Reuter und etwa 20 weitere ehrenamtliche Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun, gespendete Lebensmittel an Bedürftige auszugeben. Die Nachfrage steigt. Glücklicherweise ist die Spendenbereitschaft der Lebensmittelmärkte groß: Sechs bis acht Tonnen an übriggebliebenen, abgelaufenen, aber noch genießbaren Lebensmitteln landen jede Woche bei der Tafel. Eine Aufwandsentschädigung kann der Verein seinen Mitarbeitern nicht zahlen. Lediglich eine hauptamtliche Bürokraft gibt es. Die „Kunden“, wie Reuter sie nennt, müssen zudem einen kleinen Anerkennungsbeitrag leisten: 1,50 Euro pro Abholung. Einmal pro Woche dürfen sie dafür Lebensmittel bei der Tafel holen. Ohne die Hilfe von Ehrenamtlichen wäre das nicht möglich.

Umsonst arbeiten oder schnell reich werden?

Jeder Dritte in Deutschland engagiert sich ehrenamtlich heißt es. Dabei ist ehrenamtliches Engagement mindestens so schwer zu definieren wie Arbeit. Das Bundesfinanzministerium gibt für das Jahr 2004 an, dass 70 Prozent aller Menschen über 14 Jahre ehrenamtlich tätig waren. Das Deutsche Rote Kreuz geht von 17 Mio. Freiwilligen und Ehrenamtlichen aus. Eine Untersuchung des Internetportals betterplace.org im Auftrag der Bank ING-DiBa kommt auf über 23 Mio. Während die Reicheren also in Steuerparadiese flüchten, würden viele Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens ohne Ehrenamtliche kaum existieren. Neben Betreuung von Kindern, Kranken und alten Menschen zählen vor allem Dienste bei Jugendorganisationen, im Natur- und Umweltschutz, Tierschutz, in der Bewährungshilfe, Telefonseelsorge, Caritas, Diakonie, Sportvereinen oder sonstigen Hilfsorganisationen und auch der Freiwilligen Feuerwehr zu den wichtigsten Tätigkeitsbereichen. Auch den Katastrophenschutz gewährleisten größtenteils ehrenamtliche Kräfte. Angela Merkel betont daher immer wieder die zunehmende Bedeutung des Ehrenamtes.

Mainzer Ehrenamtsagentur dichtgemacht

Ungeachtet des Bedarfs hat die Mainzer Ehrenamtsagentur vor kurzem ihren Betrieb eingestellt bzw. wurde eingestellt. Der Trägerverein wird sich zum Jahresende auflösen. Schon jetzt ist das Telefon nicht mehr besetzt. Als zentrale Anlaufstelle hat die Agentur Bürger beraten, wo und wie sie sich ehrenamtlich einbringen können. Besonders die kleinen Organisationen im kulturellen oder sportlichen Bereich, auf die man nicht so ohne Weiteres aufmerksam wird, haben von der Agentur profitiert. Auch Tafel-Vorstand Reuter wurde einst hier vermittelt: „Wir bedauern die Schließung sehr. Sie haben uns wirklich oft geholfen.“ Als „neue“ Anlaufstelle steht nun übergangsweise das Sozialdezernat zur Verfügung. Auch die Ehrenamtskarte kann hier beantragt werden. Mit ihr erhalten ehrenamtlich Tätige diverse Vergünstigungen – in Kinos, Museen, Geschäften oder einigen Lokalen. Für die Flüchtlingsarbeit hat die Stadt eine eigene Informationsseite eingerichtet. Ob und in welcher Form es künftig wieder eine Ehrenamtsagentur geben wird, darüber will die Stadt Anfang 2018 entscheiden. Moritz Oldenstein, eigentlich für die Flüchtlingskoordination zuständig, ist vorübergehend der Ansprechpartner in allen Ehrenamtsfragen.

Im Dezernat äußert man sich so: „Da es noch keine Klarheit darüber gibt, in welcher Form die Ehrenamtsagentur zukünftig weiter existieren soll, sind Fragen der detaillierten Ausfinanzierung noch nicht geklärt. Die Landeshauptstadt misst dem ehrenamtlichen Engagement jedoch einen großen Stellenwert bei und wird auch zukünftig für eine gute Betreuung und Beratung Sorge tragen.“ Das Echo auf die Schließung sei laut Stadt verhältnismäßig gering gewesen: „An die bisherigen Vereinsmitglieder konnten nur wenige Ehrenamtliche vermittelt werden, sodass dies einen geringen Nutzen an der Mitgliedschaft darstellte.“ Warum das so war, erschließt sich ob der angeblichen Bedeutung des Ehrenamtes schwer. Die ehemalige Leiterin der Agentur Evi Arens ist aufgebracht, wenn man sie darauf anspricht: „Eine Frechheit war das. Es wurde einfach so von der Stadt beschlossen und ich habe erst später davon erfahren. Ich konnte gar nichts dagegen tun. Wir wurden von mehreren Institutionen bezuschusst, die den Geldhahn zugedreht haben, weil sie selbst Ehrenamtliche vermitteln wollen. Mich hat das kalt erwischt. Wir haben hier über Jahre etwas aufgebaut, hunderte von Vermittlungen gemacht, eine Menge geleistet und dann sowas.“ Man merkt ihr die Enttäuschung an. Es erschließt sich ihr einfach nicht, dass so was in Mainz möglich sein soll: „In Wiesbaden zum Beispiel vermittelt das Freiwilligen- Zentrum seit 20 Jahren erfolgreich Ehrenamtliche an verschiedene Organisationen – mit 1,5 hauptamtlichen Stellen und derzeit etwa 25 Ehrenamtlichen. Finanziert wird es von der Stadt, vom Land und aus Spenden.“

Geld als Knackpunkt

Letzten Endes ging es wohl wie so oft um Geld. Die großen Wohlfahrtsverbände, Finanziers der Agentur, wollen nicht mehr Zahlmeister sein, ohne die Früchte zu ernten. Denn um sich beispielsweise zum Roten Kreuz vermitteln zu lassen, geht niemand zur Ehrenamtsagentur – oder soll es nicht. An die bekannten großen Anlaufstellen wenden sich die Menschen direkt, so deren Kalkül. Die Konstruktion mit einem übergeordneten Verein sei zudem zu kompliziert und teuer gewesen. Nun also soll die Stadt das Ehrenamt fördern – auf unterschiedlichste Weise: Neben der Ehrenamtspauschale werden im öffentlichen Dienst zum Beispiel Sonderurlaube unter Fortzahlung der Bezüge gewährt. Verschiedene Preise, Orden und Ehrenzeichen bringen Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck. „Die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements wird von der Politik als dringend und unverzichtbar propagiert. Ich würde mir daher wünschen, dass den Worten Taten folgen und von der Stadt bald eine tragfähige Form der Ehrenamtsförderung und -vermittlung gefunden wird“, fordert Gabriele Hufen. Die Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) war stellvertretende Vorsitzende des Ehrenamtsvereins. Aus ihrer Erfahrung mangele es nicht an Ehrenamtswilligen. Und auch für Adolf Reuter ist die Sache klar: „Man muss ja nicht immer für alles Geld kriegen.“ Ein Ehrenamt zu bekleiden, das muss man sich erst mal leisten können.

Wozu leer ausgehen?

Doch das ehrenamtliche Engagement nimmt ab. In Zeiten von sinkenden Nettolöhnen haben viele Menschen schlichtweg keine Zeit. Sie sind auf bezahlte Arbeit angewiesen. Selbst die Zahl der berufstätigen Frauen steigt. Sie fehlen dann im Ehrenamt. So sind auch bei der Tafel dauerhaft nur Ruheständler tätig. Von Befürwortern des Grundeinkommens wird daher die These vertreten, dieses würde u.a. das Ehrenamt stärken. Denn Gutes tun wollen die meisten. So hofft auch Adolf Reuter auf mehr Unterstützung durch die Stadt: „Zumindest Räumlichkeiten sollte man uns kostenlos zur Verfügung stellen.“ Denn während die einen immer reicher werden, stehen die Armen nicht nur bei der Tafel Schlange und Ehrenämtler dürfen weiter schön brav kostenlos arbeiten. Daher sein berechtigter Wunsch, dass vielmehr die Tafel und ähnliche Vereine irgendwann gar nicht mehr benötigt werden: „Es ist eine Schande, dass es so etwas in so einem reichen Land wie Deutschland geben muss.“

Text Katja Marquardt Fotos Stephan Dinges

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