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Naturverträgliche Sanierung auf der Zitadelle

Auch bei der naturverträglichen Sanierung des Zitadellenmauerwerks geht es kontinuierlich weiter und in großen Schritten voran, wie die beiden Dezernentinnen Marianne Grosse und Katrin Eder mitteilen. Neben dem Mauerabschnitt entlang der Windmühlenstraße wurde in diesem Jahr auch erstmals ein Abschnitt im Graben saniert. „Dabei haben wir uns aufgrund fehlender Erkenntnisse über die Materialität und Geometrie der Contrescarpe dafür entschieden, die Instandsetzungsarbeiten in Eigenregie durch die eigene Bauhütte ausführen lassen“, erläutert Grosse. „Nach Abschluss der Arbeiten wissen wir, dass dies der richtige Weg war, da es aufgrund erforderlicher Untersuchungen mehrere und anhaltende Unterbrechungen gab, die bei einer Vergabe an Firmen zu Behinderungsanzeigen und dadurch zu Mehrkosten geführt hätte. Außerdem konnten die Mitarbeiter unserer Bauhütte hier ihr großes Können zeigen.“

„Mit der Sanierung der Mauern betreten wir nicht nur denkmalpflegerisch, sondern weitgehend auch ökologisch Neuland. Wir bemühen uns sehr, den einmaligen Bestand an Insekten und seltensten Pflanzen vor Ort entsprechend unserer Planungen auch zu erhalten“, so Katrin Eder, Umweltdezernentin der Stadt Mainz. „Durch den trockenheitsbedingten Rußrindenbefall der Bäume auf den Zitadellenmauern und die notwendig gewordenen Fällungen ist dort in diesem Jahr zusätzlich sehr viel Grün verloren gegangen. Wir stehen hier alle gemeinsam in der Verantwortung, nicht nur ein nacktes Festungswerk, sondern auch ein ökologisch wie mikro-klimatisch enorm wichtiges Gebiet für die Innenstadt in diesem Sinne zu erhalten.“

Die Idee einer eigenen Bauhütte war eine zentrale Empfehlung aus dem Gutachten, das die Grundlage für die bereits durchgeführten und noch anstehenden Maßnahmen zur naturverträglichen Sanierung des Zitadellenmauerwerks bildet. „Es ist ein wirklich großer Erfolg, dass es uns gelungen ist, diese Bauhütte tatsächlich zu schaffen. Durch sie können kontinuierlich und zugleich flexibel kleinere Instandsetzungs- und Instandhaltungsarbeiten am Mauerwerk erfolgen, aber sie können auch große Maßnahmen wie die jetzt erfolgte Instandsetzung der Contrescarpe und der Bastionsspitze Drusus erfolgen. Auch im Jahr 2020 ist viel passiert an den Zitadellenmauern. Nicht nur an der Windmühlenstraße. Im Bereich der Bastion Drusus im Zitadellengraben haben die qualifizierten Mitarbeiter der Zitadellen-Bauhütte gezeigt, welch wichtige Aufgaben sie bei der Instandhaltung der Mauern leisten“, freut sich der Vorsitzende der Initiative Zitadelle Mainz, Kay-Uwe Schreiber.

„Mit der Fertigstellung dieses Abschnitts der Contrescarpe hat das Projekt einen sehr wichtigen Meilenstein erreicht. Denn damit wurde nun erstmals ein Abschnitt im geschützten Landschaftsbestandteil der Zitadelle ökologisch saniert. Die Erkenntnisse werden sowohl aus naturschutzfachlicher als auch bautechnischer Sicht für die kommenden Abschnitte in den nächsten Jahren eine wesentliche Rolle spielen. Nun gilt es zu schauen, wie sich die Natur in diesem Grabenstück wieder neu entwickelt“, so Christian Henkes, Vorsitzender NABU Mainz und Umgebung e.V.

Die Contrescarpe gehört zur Festung Zitadelle und dient im Wesentlichen nur der Abstützung des Geländes jenseits des Zitadellengrabens. Sie hat keine Verteidigungsfunktion und ist deshalb baulich nicht besonders massiv hergestellt. Die Mauer hat eine Mächtigkeit von etwa 1 Meter (zum Vergleich: Zitadellenmauer 4 Meter) und ist aus kleinteiligen Steinen gebaut, die bei der Festung nicht verwendet werden konnten. Das ist die Ursache für den schlechten baulichen Zustand der Contrescarpe.

Die Bauhütte, die sich aus zwei Steinmetzen und zwei Aushilfskräften zusammensetzt, hat das Projekt in 3000 Arbeitsstunden umgesetzt. Im Sommer 2018 wurden die naturschutzrechtliche und denkmalschutzrechtliche Genehmigung eingeholt. Ab Oktober 2018 erfolgte die Baufeldfreimachung und Gerüststellung und im Winter 2018/19 die Freilegung der Mauerkrone und der Abtrag von 150 m³ Boden.

Im Frühjahr 2019 wurden in Zusammenarbeit mit der Landesarchäologie drei Schürfe (ca. 1 m breit, 2,5 m hoch und 3 m lang) am anstehenden Boden im Bereich der Mauerkrone angelegt, um das Bodenprofil kennenzulernen und eine Aussage zur Historie der Aufschüttung zu erhalten. Bis Februar 2020 erfolgten Vermessung, Digitalisierung und weitere Untersuchung der Archäologie, ab März 2020 wurden die Mauerkrone und der lockern Teile des Mauerwerks rückgebaut. Von April  bis September 2020 erfolgten der Wiederaufbau und die Verfugung des Mauerwerks.

Die Contrescarpe hat durch die neue Ausbildung der Mauerkrone einen einheitlichen Abschluss mit plattigen Steinen erhalten, die durch ein leichtes Gefälle zum Graben das Niederschlagswasser ableitet. Oberhalb der Mauerkrone ist eine gleichmäßige Böschung ausgebildet worden, um an die Rasenflächen der Wallanlagen anzuschließen. Die Böschung wird mit Gehölzen bepflanzt werden, um den Lebensraum Graben zu den Wallanlagen hin abzugrenzen und zu schützen. Grundsätzlich bleiben im Verlauf der gesamten Contrescarpe einzelne Sichtfenster in den Graben erhalten.

Da der Zaun an der Mauerkrone zur Absturzsicherung noch nicht errichtet ist, kann das Gerüst an der Mauer noch nicht abgebaut werden. Es entstanden rund 10.000€ Materialkosten sowie  30.000€ an Fremdleistungen (Gerüst, Bodenentsorgung, Bodeneinbau) und Personalkosten durch die Bauhütte.

Die gegenüberliegende Bastionsspitze Drusus wird ebenfalls von der Bauhütte saniert. Die beiden Bauabschnitte waren im Wechsel je nach Bedarf besetzt, oberste Priorität hatte allerdings die Contrescarpe. Der Erker auf der Bastionsspitze musste rückgebaut werden, da drei der vier Auflager nicht mehr die notwendige Tragfähigkeit besitzen und ausgetauscht werden müssen.

In den nächsten Monaten werden die Mauerkronensteine und die neuen Auflager behauen, sodass ab April/Mai 2021 der Wiederaufbau beginnt und im September 2021die Maßnahme an der Bastionsspitze ebenfalls abgeschlossen werden kann.

Das Ingenieurbüro Kayser+Böttges, Barthel+Maus hat die Maßnahme baubegleitend betreut.

Das Büro Twelbeck überwacht zugleich die biologische Bauleitung und alle Arbeitsschritte im Zitadellengraben und sorgt für die Einhaltung der Auflagen aus der naturschutzrechtlichen Genehmigung.

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