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Last Exit: Brexit! – Was sagen Briten in Mainz dazu?

„Order, Order“ – neben Theresa May ist Parlamentssprecher John Bercow mittlerweile eines der bekanntesten Gesichter des Brexit. Mit scharfem, britischem Akzent ruft er zur Ordnung. Es wirkt wie der genervte Versuch eines Vaters, streitende Geschwister zur Ruhe zu bringen.

Auch die Briten in Mainz müssen sich dieser Tage einiges anhören. Wir haben sie befragt:

Nick: Inkompetenz und Desinformation

Nick arbeitet für ein Ingenieurbüro in Rüsselsheim. Den aktuellen Brexit-Witz bekommt er täglich von seinem Kollegen erzählt. Anfang der Nullerjahre verließ er Großbritannien, am 20. Juni 2001. Drei Tage und 15 Jahre später – am 23. Juni 2016 – rief der damalige Premierminister David Cameron das „Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union“ aus. Nick hatte zu diesem Zeitpunkt drei Tage zu lang auf dem Festland gelebt. 15 Jahre im Ausland war die zeitliche Obergrenze zur Wahl-Teilnahme. Nick durfte also nicht mit abstimmen. „Ich hätte allerdings für den Verbleib in der EU gestimmt“, ist er überzeugt. „Was in Großbritannien passiert, ist ein Witz. Die Regierung ist absolut inkompetent.“ Auch wenn ihn ein Austritt weniger treffen würde, regt er sich über Politik und Volk auf der Insel auf: „Viele wissen gar nicht, welche politische Instanz eigentlich für welche Themen im Land zuständig ist“, sagt der 51-Jährige. „So werden alle gängigen Missstände auf die EU geschoben. Bei vielen Dingen hat die aber keinen Einfluss.“ Dennoch möchte Nick in absehbarer Zeit zurück auf die Insel. Auch deshalb hat er kein Interesse an einer doppelten Staatsbürgerschaft, die viele Briten aktuell beantragen.

Annabel: Doppelte Staatsbürgerschaft

360 Briten leben in Mainz. Seit 2017 wurden etwa 94 von ihnen mit der doppelten Staatsbürgerschaft ausgestattet (Stand: April 2019). Eine davon ist Annabel. Sie wohnt seit 2012 in Mainz und für sie wäre es „super traurig“, würde am Ende ein Brexit stehen – egal, ob ungeordnet oder verhandelt. Annabel ist 29 Jahre alt. Bevor sie nach Mainz zog erlebte sie Deutschland für ein Jahr als ERASMUS- Studentin. In der Brexit-Frage setzte sie ihr Kreuz bei „remain“. Es war das erste Mal, dass sie überhaupt wählte: „Ich war immer eher unpolitisch. Hier fühlte es sich jedoch richtig wichtig an, meine Stimme abzugeben.“ Sonderlich informiert fühlte sie sich dabei aber nicht: „Es gab keine Informationsbroschüre über die Konsequenzen, keine Sprechstunde. Nichts.“ So stimmte sie ab, wie sie sich fühlte: als Britin in Europa. Trotz langfristiger Zukunftspläne in Deutschland, hat Annabel lange mit sich gerungen, ob sie den deutschen Pass beantragen soll. Ende 2018 entschied sie sich für die Doppelte Staatsbürgerschaft. Ein Auslöser für die Bewerbung war ein Brief der Stadt Mainz, Absender Michael Ebling. Der Oberbürgermeister wandte sich Ende November 2018 mit einem Schreiben an alle Briten in Mainz, ging auf die unsichere Lage ein und bot Abhilfe. So wie Annabel meldeten sich etwa 120 Briten auf den Brief hin, erklärt die Stadtverwaltung. Seit Anfang April hat Annabel also zwei Pässe und fühlt sich damit vor allem eins: abgesichert in unsicheren Zeiten.

Gary: Der nordirische Langzeitdeutsche

Auch für Gary aus Gonsenheim war der Brief der Stadt Mainz der entscheidende Anstoß, sich für die zusätzliche, deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden. In Nordirland geboren, lebt der 63-Jährige seit den 80ern in Mainz. „Dass ich nicht abstimmen konnte, hat mich sehr geärgert. Deshalb habe ich auch sofort die Online-Petition unterschrieben, in der es um den „Widerruf von Artikel 50 und Verbleib in der EU“ geht.“ Artikel 50 in den Verträgen der EU regelt, wie der Austritt eines EU-Mitgliedsstaates ablaufen soll und legt das Austrittsdatum fest. Bisher haben über sechs Millionen Briten weltweit die Petition unterschrieben. In London gingen Ende März eine Million Brexit-Gegner auf die Straße. „Die Pro-EU-Lobby, die sich jetzt zeigt, fehlte vor der Abstimmung. Die Brexit-Befürworter dagegen taten einiges dafür, die britischen Wähler auf ihre Seite zu bekommen“, erklärt Gary und ist überzeugt: „Die populistische und anti-europäische Berichterstattung in den Medien hat in der Zeit vor der Abstimmung einiges in die Richtung getrieben, wo Großbritannien jetzt steht.“ Für ihn persönlich war die Abstimmung damals ein Schock. Sie hat aber bisher wenig Einfluss auf sein Leben gehabt. Einzig, dass es in Zukunft vermutlich schwieriger sein wird, mit seiner Frau Hannelore nach Nordirland einzureisen, wenn sie seine Familie besuchen: „Aber dann trinke ich eben einen Kaffee mehr an der Grenze, während ich warte“, lacht Gary mit irischer Gelassenheit.

Nina Stemmler

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