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Im Unruhestand – Ex-WISO Moderator Michael Opoczynski kämpft für eine gerechte Gesellschaft

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von Ejo Eckerle und Katharina Dubno (Fotos):
Als Michael Opoczynski kurz vor seinem Renteneintritt stand, verriet er seine Zukunftspläne: Ein Buch wolle er schreiben. Etwa eine Enthüllung über die Zustände, die im Sender auf dem Lerchenberg herrschen? „Gute Idee“, gab er zur Antwort. „Das biete ich dann dem ZDF zum Kauf und zur anschließenden Vernichtung an.“ Soweit ist es dann doch nicht gekommen. Aber aus dem TV-Journalisten wurde tatsächlich ein inzwischen recht erfolgreicher Buchautor.

Nahezu täglich fährt der 68-Jährige, wenn es das Wetter erlaubt, mit dem Rad von seiner Gonsenheimer Wohnung nach Drais. Hier hat er sich in einem Medienunternehmen ein Büro gemietet. Dort recherchiert und schreibt er fast so wie früher, jetzt aber auf eigene Rechnung. Wenn er sich umdreht und aus dem Fenster schaut kann er am Horizont das aufragende Redaktionsgebäude seines ehemaligen Arbeitgebers erkennen.

Er ist zufrieden. Sein neuestes, mittlerweile viertes Sachbuch, „Aussortiert und Abkassiert – Altwerden in Deutschland“, wandert täglich 150 mal über den Ladentisch. Darin nimmt er sich all jene skrupellosen Finanzberater, unwürdigen Pflegeheime, versteckten und offenen Diskriminierungen alter Menschen und windigen Seelenverkäufer vor, die mit ihrem Tun seinem Verständnis von einer gerechten und sozialen Gesellschaft zuwider laufen.

Chronist der Bankenkrise

Noch in seiner aktiven Zeit als WISO-Redaktionsleiter und Moderator beschäftigte sich Opoczynski mit den Sorgen der „a- und d-Kunden“. Hinter dieser Bezeichnung verstecken sich zynische Beschreibungen: „Gemeint sind die so genannten „alt“ und „doof“ Kunden der Banken und Versicherungswirtschaft. Sie werden systematisch abgezockt.“ LEO ist noch so ein verräterisches Kürzel, das sich „Bankster“ gegenseitig zurufen: „Leicht erreichbares Opfer“, also potenzielle Kunden, mit denen sich leicht und schnell Geld verdienen lässt.

Bekannt wurden diese und andere diskriminierende Methoden der Finanzbranche im Umfeld der Finanzkrise 2008. Damals gelangten E-Mails an die Öffentlichkeit, in denen Banker über jene Kundschaft herzogen, der man ohne große Probleme besonders risikoreiche Finanzprodukte andrehen könne. Betroffen waren oft ältere Menschen, die jahrzehntelang ihrer Bank die Treue gehalten hatten. Opoczynski beschreibt diese Vorgänge in einem bedrückenden Kapitel seines Buches. Und er gibt auch Einblicke, wie sehr sich die Branche zur Wehr setzt, wenn man ihr auf die Füße tritt: „Als ich 2011 in einer Talkrunde im ZDF davon sprach, dass es den „Bankberater“ nicht mehr gebe, stattdessen seien das Verkäufer geworden, die schlicht und einfach ihr Geschäft machen wollten, beschwerten sich Bankvorstände der ganz großen Institute beim Intendanten, ich hätte ihre Zunft beleidigt.“

Die goldenen Jahre des Fernsehens

Wer sich mit der Karriere von Michael Opoczynski beschäftigt, taucht ein in ein Leben, das viel erzählt über Chancen und Möglichkeiten, die sich jemandem boten, der Mitte der 70er Jahre Fuß in den Medien fasste. Der gebürtige Berliner ging in Frankfurt zur Schule und studierte Politikwissenschaft an der Goethe-Uni, bevor er als Assistent zum damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und späteren Finanzminister Hans Matthöfer ging. Es folgten Stationen als Pressesprecher der hessischen SPD, Werbetexter und Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks. Danach heuerte er als freier Mitarbeiter beim Landesstudio Wiesbaden des ZDF an. Keine schlechte Wahl: „Ich habe sehr gut verdient als Freier. Wir wurden damals pro Film bezahlt und wenn so ein Nachrichtenfilm dreimal gelaufen ist, dann haben wir dreimal Honorar bekommen. Irgendwann haben sie mir dann einen festen Job angeboten und ich habe ja gesagt. Im Nachhinein war das natürlich ein Glücksfall.“

Der feste Job war ab 1982 eine Redakteurstelle beim Wirtschaftsmagazin WISO. Zuvor hatte der Sender „Bilanz“ im Programm, ein Magazin, in dem vor allem Bankenchinesisch gesprochen wurde und das am Verständnis und Interesse der Zuschauer-Mehrheit vorbei sendete. WISO dagegen war neu, frisch und vor allem nah am Interesse der Verbraucher. „Das hat mich gereizt. Ich war unterwegs als Reporter in der ganzen Welt, habe große Industriebetriebe porträtiert und jede Autofabrik dieser Welt gesehen. Ich konnte schöne Filme machen und war in dieser Rolle als Reporter sehr zufrieden. Das waren meine goldenen Zeiten. Das Autorendasein, das Geschichtenerzählen, das habe ich sehr gut gemacht. Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, als der Chefredakteur eines Tages sagte, ich sollte die Sendung übernehmen – als Redaktionsleiter…“ Und es kam (für ihn) noch schlimmer: Opoczynski musste auch moderieren, ein Prinzip, das damals galt: Wer Chef ist, muss auch vor die Kamera. Nicht immer zum Nutzen des Mediums und der Betroffenen…

Nicht gut, aber speziell

Opoczynski geht hart mit sich selbst ins Gericht: „Ich fand mich als Moderator grauenhaft. Bis heute kann ich mich nur ungern im Fernsehen ansehen. Aber es gibt Leute, die sagen, ich sei vielleicht nicht gut, aber speziell. Und mit dem Namen und dem Auftreten, immer ein bisschen steif und ungelenk, damit sei ich zum Markenartikel geworden.“ Gewissermaßen muss man in seinem Fall auch von einer Berufskrankheit sprechen: „Ich habe mir einen Tinnitus damit eingehandelt. Zu Anfang fing das nach der Sendung an, dass ich so ein Klopfen im Ohr bekam. Diese Live-Auftritte jede Woche, von 1992 bis 2014, das zehrte an den Nerven. Andererseits: Was ich anfangs so gefürchtet hatte, das Moderieren, das fand ich später toll.“

So wird er heute noch gelegentlich auf der Straße gegrüßt und kennt die Schattenseiten der dauerhaften TV-Präsenz: „Irgendwann bin ich mit Schwung in eine Parklücke. Danach kam einer auf mich zu und hat mich beschimpft: „Du Arschloch vom Fernsehen! Glaubst du, du bist was Besseres?!“ So was erleben Sie auch…“ Es kommt auch zu Verwechslungen: Mal hält ihn jemand für einen Mathelehrer, mal glaubt einer, in ihm einen Piloten-Kollegen von der Lufthansa zu erkennen.

Neues Buch in Planung

Auch heute noch bekommt er häufig Briefe von Menschen, die ihn um Rat fragen. Aber als Berater will er nicht tätig sein, weil er sich sagt: „Das ist ein eigener Beruf, da gehört mehr dazu als journalistisches Wissen.“ Opoczynski nutzt dagegen seine Stärke, das Wort, und seine immer noch nachwirkende Bildschirm-Prominenz, um Themen aufzugreifen, die ihm am Herzen liegen. In seinem Blog schreibt er etwa über die Opfer der weitgehend unbekannten „9/10“-Regelung der Sozialversicherung. Die betrifft vor allem Frauen, die aufgrund von Kindererziehung Jahre nicht berufstätig waren. Nach dem Eintritt in den Ruhestand wird ihnen ein böses Erwachen beschert, da die Rente empfindlich um die Krankenversicherung gekürzt wurde. Auch beschäftigt ihn die aktuelle Renten-Diskussion: „Es wird Zehntausende geben, die jämmerlich wenig Rente erhalten werden. Das kann man sich ausrechnen. Das dürfen wir doch nicht einfach so hinnehmen!“

Für Opoczynski ist klar, an der Verlängerung der Lebensarbeitszeit geht kein Weg vorbei: „Andere Länder machen uns das vor. Das ist politisch bis jetzt nicht durchsetzbar bei den Leuten. Sie wollen das nicht hören, unabhängig davon, ob sie körperlich hart arbeiten oder nicht. Aber unser Land besteht größtenteils aus Menschen, die körperlich nicht so verschlissen sind mit 60 und auch nicht mit 70.“ So hat auch er sich vorgenommen, noch möglichst viel zu unternehmen, abgesehen vom Bücher schreiben. „Ich liebe Italien, liebe die italienische Küche und die Weine. Und jetzt habe ich angefangen, Italienisch zu lernen. Jeden Dienstagabend steht Guiseppa in der VHS Mainz vor mir, meine resolute Lehrerin, und zieht mich an den Ohren, wenn ich nicht gut bin.“

Außerdem plant er ein neues Buchprojekt. Darin soll es um die Zunahme von Solo- Selbstständigen gehen. „Das fängt inzwischen bei der Putzfrau an und geht bis hin zu Ingenieuren. BMW beschäftigt schon jetzt selbstständige Entwickler. Bei IBM nennt sich das „Liquid Spirit“. Da werden Softwarespezialisten nur noch für Projekte eingestellt. IBM möchte ganz klein werden, nicht was den Umsatz betrifft, sondern was seine Personalstärke angeht.“ Der Arbeitstitel des neuen Buches steht schon fest: „Das neue Proletariat“. Er kann es eben nicht lassen, den Kampf gegen die Missstände…