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Alt und agil: Vier Menschen im dritten Lebensalter

Joachim Schulte hat viel für die Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben getan

Deutschland altert. Laut Statistischem Bundesamt wird im Jahr 2035 etwa jeder vierte Deutsche über 67 Jahre alt sein. Wir treffen wir vier Menschen, die sich im dritten Lebensalter befinden und für die Alter nur eine Zahl zu sein scheint. Sie sind umtriebig und viel von jüngeren umgeben. Wie gehen sie mit dem Altern um? Ein Besuch:

Deutschland altert. Laut Statistischem Bundesamt wird im Jahr 2035 etwa jeder vierte Deutsche über 67 Jahre alt sein. Da denken viele an Rentenlücke und Pflegekrise. Früher galt das Alter als der letzte Lebensabschnitt, in dem man sich auf das Unvermeidliche vorbereitet. Aber mit dem Alter kommen nicht nur Falten, sondern auch Gelassenheit, Wissen und eine neue Freiheit. Das Ehrenamt ruht auf den Schultern der Ruheständler, selbst die Demokratie sähe ohne Senioren alt aus. „Ohne die Alten hätte Deutschland keine demokratische Mitte“, schrieb der „Spiegel“ nach der Bundestagswahl. Psychologen haben herausgefunden, dass ältere Menschen oft zufriedener sind als junge. Der U-förmige Glücksverlauf besagt, dass die Lebenszufriedenheit nach einem Tiefpunkt in den mittleren Jahren im Alter wieder ansteigt. Weniger Stress, mehr Zeit und die Fähigkeit, Prioritäten besser zu setzen, machen ältere Menschen oft glücklicher als in den hektischen Dreißigern oder Vierzigern.

„Rosi aus Mainz“: 90-jährige Influencerin

Rosi teilt ihre Erinnerungen auf Instagram
Wenn die 90-järige Rosi in Mainz unterwegs ist, wird sie häufig von jungen Menschen erkannt und angesprochen. Was ist da los? Rosi_aus_mainz, so ihr Name auf Instagram, ist Senioren- Influencerin, auch Granfluencerin genannt. Die gebürtige Mainzerin hat inzwischen mehr als 29.000 Follower auf der Social-Media-Plattform – und das, obwohl sie gar nicht genau weiß, wie Instagram funktioniert, denn um die Technik und die Pflege des Accounts kümmern sich die Enkelinnen. Diese lauschen seit jeher gern den Geschichten von früher und können nicht genug bekommen, wenn ihre Oma zu erzählen beginnt. Das wollten sie mit der Welt teilen, und so wurde Rosi mit 88 zur Influencerin. Sie kann stundenlang durch die Stadt laufen und in alten Erinnerungen schwelgen. Enkelin Paula kann gerade noch die Aufnahme starten, schon sprudelt Oma Rosi los. Die Follower hängen an ihren Lippen, wenn Rosi von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt, etwa vom Schwarzmarkt, von den begrenzten Freizeitmöglichkeiten, auf Häuser und Straßenschilder deutet und erklärt, wo welche Fastnachtsgröße gewohnt hat – Alltagsgeschichte aus erster Hand und ein wahrer Fundus für alle, die sich für die jüngere Stadtgeschichte interessieren. Rosi weiß alles, denn sie hat ihr ganzes Leben in Mainz verbracht. Was sie nicht selbst erlebt hat, wurde ihr erzählt, in ihrem Beruf als Modeverkäuferin kam sie mit vielen Menschen ins Gespräch. Nur zwölf Prozent von Rosis Community sind Mainzerinnen. Es gab aber auch schon Fans, die wegen Rosi hier Urlaub gemacht haben. Aber sie erzählt nicht nur von früher, sondern nimmt sich auch Zeit, die teilweise sehr persönlichen Fragen ihrer Follower zu beantworten, teilt Lebensweisheiten und aktuelle oder nicht mehr existierende Lieblingsorte. Menschen, je älter sie werden, neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären. Daher die Frage an Rosi: War früher wirklich alles besser? „Nein, ich war in der Grundschule, als der Krieg ausbrach. Damit war meine Kindheit vorbei.“ Ihre Mutter wurde wegen Depressionen von den Nazis ermordet. Wasser mussten sie aus einem Brunnen holen und in die zugewiesene Wohnung tragen. Den Ausbildungsplatz konnte man sich nicht aussuchen. „Und Frauen hatten es viel schwerer als heute. Wir sollten uns darauf konzentrieren, was wirklich zählt, und uns nicht über Kleinigkeiten aufregen“, sagt sie. Über eine Kleinigkeit regt sie sich dann aber doch auf: „Früher lag nicht so viel Müll auf den Straßen und in den Grünanlagen.“ Am liebsten verbringt sie Zeit mit ihrer Familie, die sich rührend um sie sorgt. 2023 ist Rosis Mann gestorben. Sosehr sie ihn und die gemeinsamen Jahre auch vermisst: zu Hause zu sitzen ist für sie keine Option. Die stolze Mainzerin begeistert mit ihrer Lebensfreude Alt und Jung auf Instagram. Was hält Rosi – auch optisch – so jung? „Ich habe kein Geheimrezept, ich hab einfach Glück“, lacht sie. „Haltet euch fit und werdet 90, da werdet ihr gefeiert wie noch nie.“ Ein paar Tipps teilt sie dann aber doch: „Eine gewisse Regelmäßigkeit muss man beibehalten, früh aufstehen, dann rausgehen. Und immer in Bewegung bleiben. Man darf sich nicht hängenlassen.“ Warum ist Rosi so erfolgreich, gerade bei den Jüngeren? „Für viele Follower ist Rosi wie eine Ersatzoma“, sagt Enkelin Paula. Rosis Botschaft an die Jüngeren, ausgerechnet von der Insta- Omi: „Nicht so viel aufs Handy gucken, lieber mitenanner schwätze.“

Joachim Schulte ist Gründer und Sprecher des QueerNet Rheinland-Pfalz e.V.

Veränderung als Lebensprinzip
„Es gibt ein Interesse jüngerer Menschen an der Lebenserfahrung der Älteren“, beobachtet auch Joachim Schulte (70 Jahre). Der pensionierte Lehrer ist Gründer und Sprecher des QueerNet Rheinland-Pfalz e.V., einem Netzwerk von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transidenten und Intersexuellen. Dort ist er inzwischen einer der ältesten „Aktivisten“, wie er sich selbst bezeichnet. „Ich mag die Herangehensweise von jüngeren Menschen.“ Gleichaltrige würden die Dinge häufig schon als abgeschlossen betrachten, das ist nicht Schultes Ding: „Ich habe Lust auf Entwicklung.“ „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es Mainstream war, zu sagen: So wie es ist, muss es nicht bleiben.“ Und so ist er auch heute noch bis zu sieben Stunden am Tag mit seinem Ehrenamt beschäftigt – von Ruhestand also keine Spur. Schulte lebt seit 1990 in Mainz. Wenn er zurückblickt, kann er mit Stolz sagen, die Entwicklung der LGBTQ-Szene nicht nur mitbekommen, sondern sie aktiv mitgestaltet zu haben. „Wer hätte gedacht, dass es in Nierstein mal einen Christopher Street Day geben wird?“ Oder die Rosa Käppscher als gleichberechtigter Teil des Rosenmontagsumzugs: Zu erleben, dass queere Menschen so angekommen sind in der Stadtkultur, macht ihn glücklich. Andererseits macht ihm das gesellschaftliche Klima Sorgen, in dem junge queere Menschen in sozialen Netzwerken täglich persönlich angegriffen werden. „Die queere Community ist nach außen hin eine sehr junge Community.“ Es gebe nur sehr wenige 70-Jährige, die in der Öffentlichkeit stehen. Nichtsdestotrotz gibt es sie in der Gesellschaft. Joachim Schulte wünscht sich daher queersensible Pflegeangebote, wie es sie schon in anderen Städten gibt. Stark gemacht hat er sich für ein entsprechendes Qualitätssiegel für rheinland-pfälzische Pflegeeinrichtungen. „Da ist noch viel Luft nach oben, bislang fehlt in den Altenheimen die queere Abteilung völlig.“ Was ihm noch fehlt: „Wir sind in Deutschland wahnsinnig schlecht, wenn es um Barrierefreiheit geht.“ In vielen anderen Ländern sei das viel selbstverständlicher. Einen Ruhestand mit Däumchen-Drehen kann sich Schulte nicht vorstellen. Trotzdem möchte er nach und nach Verpflichtungen abgeben und auch Besitz abbauen. „Das wird mein Job in den nächsten Jahren.“ Alter sei was Tolles, „die Gelassenheit, die man entwickelt, aber trotzdem blitzt für mich immer wieder durch, dass das Leben nicht ewig ist“.

Denkt gar nicht daran, den Pinsel wegzulegen: Christiane Schauder

Kunst und Kultur als Jungbrunnen
Die Künstlerin Christiane Schauder (70 Jahre) denkt nicht ans Aufhören, sie arbeitet immer noch jeden Tag in ihrem Atelier. „So lange ich den Pinsel noch halten kann, möchte ich auch noch arbeiten.“ Gerade plant sie bei sich zu Hause einen Umbau, damit sie auch später noch malen kann, wenn sie mal „alt und tatterig“ ist. Mit dem Älterwerden beschäftigt sie sich nicht wirklich. „Ehrlich gesagt ist mir das ziemlich wurscht, solange ich mich fit fühle.“ Auch Schauder hat viel mit jungen Leuten zu tun, häufig von der Musikhochschule, da sie in ihrem Atelier einen Konzertflügel stehen hat, den sie zum Üben zur Verfügung stellt. „Vermutlich kenne ich mehr junge Menschen als alte. Ich finde das einfach erfrischend.“ Und ständig lernt sie neue Menschen kennen. Seniorennachmittag mit Kaffee und Kreppeln wäre gar nichts für Schauder: „Eine Ghettoisierung von Altersgruppen finde ich unnatürlich.“ Das Schöne am Älterwerden: „Dass man vieles nicht mehr so streng sieht und lernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden“. Sie habe keine Angst mehr davor, in Fettnäpfchen zu treten. „Zeit wird wertvoller, da bin ich effektiver geworden.“ Wenn sie beispielsweise eine neue Stadt bereist, lässt sie sich weniger treiben, sondern informiert sich mehr und überlegt genau, was sie sich ansehen will. Schauder kam 1975 nach Mainz. Wenn sie an früher zurückdenkt, kann sie nur sagen, dass sich alles zum Besseren entwickelt hat, die Stadt sich verjüngt hat. Damals gab es kaum Kultur, das Theater sei grauenhaft gewesen. „Früher war so wenig los in Mainz, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich habe damals in der Neustadt gewohnt, da konntest du als Frau allein in keine Kneipe gehen.“ Neben ihrer Malerei organisiert sie heute regelmäßig Konzerte, ist Mitbegründerin vom Ciné Mayence. Eine weitere große Leidenschaft, ihr „Lebenselixier“, ist das Theater: So oft wie möglich geht sie mit ihrem Mann hin.
An eine Zeit in ihrem Leben denkt die reisebegeisterte Künstlerin besonders gern zurück: ein sechswöchiges Stipendium in Aserbaidschan im Jahr 1990, abgeschnitten vom Rest der Welt. „Da habe ich erst mal gemerkt, wie privilegiert ich hier eigentlich bin.“ Sie war nie wieder dort, aber der Kontakt ins Land ist nie ganz abgerissen, und sie träumt davon, zusammen mit ihrem Mann Günter Minas noch einmal hinzureisen. Mit dem Alter ist Christiane Schauder Nachhaltigkeit wichtiger geworden und ihr fällt es leichter zu verzichten. So hat sie vor ein paar Jahren das Auto abgeschafft. Wobei sie das gar nicht unbedingt als Verzicht empfindet, sonders als neue Freiheit. Seit Corona arbeitet sie viel mit recycelten Materialien, also beispielsweise mit bedrucktem Papier. Sie kauft sich kaum noch neue Kleidung. Kein Verständnis hat sie für den gedankenlosen Konsum der Jugend. „Da schimpfe ich schon mal mit den jungen Mädels.“

2024 hat Sweaty die Weintorklause in der Altstadt übernommen

Rock ’n’ Roll mit Rollator
Auch Michael Vogt muss manchmal mit der Jugend schimpfen. Er hatte in einer seiner Kneipen mal spaßeshalber eine Preistafel hängen: „Ein Bier: 5 Euro“, „Bitte ein Bier: 4 Euro“. Der Kultwirt (Weintorklause, Good Time, ATG), den viele unter seinem Spitznamen „Sweaty“ kennen, wird im Sommer 60. „Das macht mir schon was aus“, gibt er zu. „Früher hast du vier Tage gefeiert und einen zur Erholung gebraucht, heute ist es umgekehrt.“ Die Weintorklause, die der gebürtige Mainzer 2024 übernommen hat, ist ungeplant zum Generationentreffpunkt geworden. „Als wir hier aufgemacht haben, kamen als Erstes die Leute vom Altenheim gegenüber“, erinnert er sich. Das Vorgängerlokal fanden sie nicht so gut, weil man da nicht rauchen durfte. „Die haben mir dann erst mal beigebracht, welchen Wein sie haben wollen und aus welchen Gläsern sie den trinken wollen.“ Manchmal lassen sie es richtig krachen und vergessen beim Nachhausegehen ihren Rollator. „So weit bin ich von denen altersmäßig auch nicht mehr entfernt“, überlegt Vogt. Die Jugend hingegen habe während Corona gelernt, zu Hause zu feiern, die gehen nicht mehr so in Kneipen. Bis zur Sperrstunde noch selbst hinterm Tresen stehen? „Ich hab am Abend mittlerweile lieber meine Couch.“ Vor Kurzem hat er sich um seine Beerdigung gekümmert: damit das alles so wird, wie er es sich vorstellt. Aber jetzt erst mal die Pläne für die nächsten Jahre: „Gesund bleiben!“ Der Gastronom hat sich schon darauf eingestellt, bis zu seinem letzten Tag zu arbeiten, auch aus finanziellen Gründen. Corona hat viel aufgefressen. „Aber auch vom Gemüt her, Ruhestand kann ich mir nicht vorstellen.“ Da würden ihm die sozialen Kontakte fehlen, die er im Job hat. Nebenher ist „Sweaty“ schon seit Jahren in der Obdachlosenhilfe aktiv. Seit 25 Jahren ist er selbstständig in der Gastronomie – und vermisst die Kneipenszene von früher. „Wenn eine Kneipe zumacht, kommt keine neue rein.“ Das Gute am Älterwerden: „Man wird ruhiger, regt sich nicht mehr so auf. Und man hört auf, von irgendwelchen Dingen zu träumen, die man sowieso nicht mehr erreicht. Und ist zufrieden mit dem, was man erreicht hat.“ Inzwischen geht er manchmal lieber in den Wald als auf Partys. Aber jetzt muss er erst mal los, er will noch auf ein Konzert im Schlachthof. Aber Sitzplatz muss schon sein in seinem Alter. Am Ende bleibt das Altern ein Prozess, den jeder auf seine Weise erlebt – voller Herausforderungen, aber auch reich an Erfahrungen. Vielleicht liegt die Kunst des Alterns darin, die Veränderungen anzunehmen und in jedem Lebensabschnitt die Chancen zu erkennen, die er bereithält. Denn das Alter ist nicht nur eine Zahl, sondern eine Geschichte, die weitergeschrieben wird.

Text: Katja Marquardt
Fotos: Stephan Dinges

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