
„Wie hieß noch mal der Ort, an dem wir viele Jahre Urlaub gemacht haben?“ Erinnerungslücken.
„Die Frau, die sich so oft mit Chefs aus der ganzen Welt getroffen hat, was war die noch mal?“ Wortfindungsstörungen.
„Wo ist mein Fahrradschlüssel?“ Vergesslichkeit.
Das kennen viele älter werdende Menschen. Und den meisten Menschen ist es peinlich. In einer Gesellschaft, in der Menschen funktionieren sollen, stören solche Aussetzer die Abläufe. Betulich sind manche Reaktionen: „na, so schlimm wird das nicht sein“, „gleich geht es uns wieder besser“. Uns? Die emotionale Panik, die manche überfällt, wenn sie ihre Unzulänglichkeiten bemerken, ist in Worten kaum darstellbar.
Wenn das Gedächtnis nachlässt
Eine Erkrankung wird immer öfter zum Thema: Demenz. Oft auch als Alzheimer bezeichnet. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft fasst die Erkrankung so zusammen:
Als Demenz wird ein Abbau und Verlust kognitiver Fähigkeiten bezeichnet (APA 2022; WHO 2026). Zu den möglichen betroffenen Bereichen gehören Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis, Orientierung, Urteilsvermögen und planendes Handeln (exekutive Funktionen), Sprache, Motorik und Fähigkeiten zum sozialen Austausch mit anderen (soziale Kognition). Die kognitiven Einbußen schreiten mit der Zeit voran und beeinträchtigen Alltagsaktivitäten. Es gibt sehr viele verschiedene Demenzformen, am häufigsten ist die Alzheimer-Demenz, gefolgt von der vaskulären Demenz, der Lewy- Körper-Demenz und der Frontotemporalen Demenz. Verschiedene zugrundeliegende Krankheitsprozesse können auch gemeinsam auftreten (WHO, 2026). Grundsätzlich kann eine Demenz in jedem Alter auftreten, allerdings steigt das Risiko mit höherem Alter stark an. Frauen sind häufiger betroffen als Männer (Quelle: Infoblatt 1 Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz, Berlin)
Statistiken zufolge waren 2025 in Deutschland 1,8 Mio. Menschen an Demenz erkrankt. Zum Kreis derjenigen, die im Umfeld der Erkrankten mitbetroffen sind, gehören zudem die Angehörigen, das Personal in Pflegeheimen, in Arztpraxen, in Krankenhäusern und viele mehr.
In unserer älter werdenden Gesellschaft wird die Anzahl der an Demenz erkrankten Menschen weiter ansteigen. In unserem Alltag ist die Krankheit längst angekommen. Nicht immer fällt sie gleich auf. Vergesslichkeit ist eine Alterserscheinung. Wann ist die Vergesslichkeit nicht mehr normal? Was ist überhaupt normal – im Umgang mit älteren Menschen, mit Hochbetagten?
Demenz wird als heimtückisch bezeichnet. Die Persönlichkeit der Betroffenen verändert sich. Manchmal nach und nach, manchmal schlagartig. Es ist verständlich, dass sich Menschen vor der Diagnose Demenz scheuen. Wie bei allen Erkrankungen ist die Diagnosestellung unerlässlich, um zu helfen. Heilbar ist Demenz nicht, aber es gibt Behandlungsmöglichkeiten: Logopädie und Gedächtnistraining. Zudem können die Angehörigen, die Freunde, die Nachbarn lernen, mit den Veränderungen umzugehen und darauf zu reagieren.
Unterstützung für Angehörige
Dabei helfen Anregungen und konkrete Hilfestellungen. Zum Beispiel von der Beratungs- und Koordinierungsstelle Demenz (BeKo), angesiedelt bei der gps Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit mbH (in Kooperation mit dem Caritas Verband Mainz e.V.). Katharina Helker berät in der BeKo telefonisch und persönlich und macht auch Hausbesuche. Die meisten Anfragen kämen von Angehörigen, so Helker, manchmal wendeten sich auch Erkrankte direkt an sie. In den Gesprächen gehe es oft um die grundlegende Frage: Wie gehe ich mit einem erkrankten Angehörigen um? Dass ihre Antwort „So normal wie möglich“ nicht einfach umzusetzen ist, weiß Katharina Helker. Dennoch: Wenn zum x-ten Mal die Frage kommt, wo die Hausschuhe stehen, sollte die Antwort nicht lauten: „Diese Frage habe ich jetzt zum x-ten Male beantwortet“. Geduld sei sehr wichtig und die Konfrontation mit der Krankheit sollte vermieden werden. Wem das gelinge – vielleicht nicht immer, aber hin und wieder – der erlebe einen echten Gamechanger, beobachtet Helker.
In den Beratungsgesprächen werden Verhaltensauffälligkeiten ebenso besprochen wie die Verankerung von Strukturen im Alltag: Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit seien für Erkrankte oft eine wichtige Stütze. Helker nennt Tagespflegeeinrichtungen, die Demenzerkrankte zeitweise betreuen und Organisationen, die Alltagshelferinnen vermitteln. Diese kostenpflichtigen Angebote werden teilweise von der Pflegekasse übernommen.
Die BeKo Demenz ist Teil des Mainzer Netzwerks Demenz und hat kürzlich gemeinsam mit den Pflegestützpunkten den „Wegweiser Demenz“ aktualisiert. In diesem sind u. a. Ansprechpartner für medizinische Fragen und professionelle Betreuung (z. B. die Gedächtnissprechstunde der Unimedizin & Psychiatrische Institutsambulanz der GPS oder die Servicestelle Demenz der Unimedizin Mainz), Kontaktdaten von Tagespflege- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen, Betreuungsvereinen und Anbietern von Pflegeberatung genannt. Außerdem steht das 2015 gegründete Mainzer Netzwerk Demenz vor einer Neuausrichtung. In Zusammenarbeit zwischen der Beratungs- und Koordinierungsstelle Demenz und der Pflegestrukturplanung der Stadt Mainz wird zurzeit das 1. Netzwerktreffen nach 2023 geplant.
Auch im Kreis Mainz-Bingen gibt es ein Netzwerk Demenz, ein freiwilliger Zusammenschluss von Organisationen, die im Landkreis Mainz-Bingen Menschen mit Demenz begleiten, betreuen oder pflegen. Die Moderation des „Netzwerk-Demenz Mainz-Bingen“ durch die Koordinierungsstelle „Wendepunkt Demenz“ wird vom Landkreis Mainz-Bingen finanziell bezuschusst.
Auf der Webseite des „Netzwerk-Demenz Mainz-Bingen“ sind u. a. Gesprächsgruppen für pflegende Angehörige im Landkreis Mainz-Bingen, Ansprechpartner für die Demenzberatung vor Ort und viele Informationen zusammengefasst.
Gemeinsam statt allein
Sich als Angehörige selbst auf Webseiten und in einem Demenz-Wegweiser zu orientieren ist eine Möglichkeit. Eine andere ist es, Informationen und Fragen mit anderen auszutauschen und zu erörtern. Gut, dass es Angebote gibt, bei denen sich Angehörige treffen können.
Im AWO-Seniorenzentrum „Am Rosengarten“ in der Oberstadt betreut Britta Werner am zweiten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr einen Demenz-Stammtisch für Betroffene, Interessierte und Angehörige. Es sei ein offener Austausch in einem geschützten Raum, sagt Werner. Die Themen orientieren sich an den Bedürfnissen der Teilnehmenden. Mal stünden Informationen zu professionellen Unterstützungsangeboten im Vordergrund, mal gehe es um die Bewältigung von Gefühlen. Auch die Anzahl der Teilnehmenden variiere. Oft kämen Angehörige von Menschen, die im Seniorenzentrum leben. Willkommen seien aber auch Angehörige, die Erkrankte zuhause betreuen.
Britta Werner gehört zum hauptamtlichen Team der psychosozialen Betreuung im AWO-Seniorenzentrum „Am Rosengarten“. Unterstützt werden die Hauptamtlichen von insgesamt 80 Ehrenamtlichen, die sowohl das hauseigene Café betreiben als auch in der Einzel- und Gruppen-Betreuung von rund 120 Bewohner:innen unterstützend tätig sind.
Das AWO-Seniorenzentrum „Am Rosengarten“ habe eine lange und fest verankerte Tradition der ehrenamtlichen Unterstützung, sagt Susanne Zander. Sie organisiert als Hauptamtliche die Unterweisungen und die unbezahlten Einsätze der Ehrenamtlichen.
Kontakt Demenz-Stammtisch: Britta Werner, Tel. 06131 / 99 88 205, E-Mail:
Britta.Werner@AWO-Rheinland.de
Die Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz bietet eine „begleitete Selbsthilfegruppe für Menschen mit Gedächtnisstörungen und/oder beginnender Demenz“ in Mainz an. Jeden zweiten Mittwoch im Monat, von 15 bis 16:30 Uhr im Wespenweg 4 in Mainz-Bretzenheim. Kontakt: Frau Gottron-Johanidis, Tel. 06131 / 36 61 95, E-Mail: info@mainzuhause.com
Gemeinsam schöne Momente erleben

Menschen, die an Demenz erkrankt sind, vergessen viel und erinnern sich an vieles – oft auf emotionale und sensorische Weise: Düfte und Gerüche, Laute und Geräusche, Gestik und Mimik, Berührungen. So können die erkrankten Menschen erreicht werden; es kann aber auch zu spontanen, vielleicht sogar heftigen Abwehrreaktionen kommen. Wer ein Parfum benutzt, das die an Demenz erkrankte Person noch nie mochte, wird auf Zurückweisung stoßen. Und nicht verstehen, warum. Entlastung für Erkrankte wie für Angehörige kann auch gemeinsames Erleben und Erkunden, z. B. in Kulturveranstaltungen, bieten. Manche Paare haben Museen in aller Welt erkundet oder Konzertveranstaltungen besucht – für sie kann der gemeinsame Besuch einer Ausstellung, eines Konzertes oder einer Theatervorführung einen Moment des Zusammenseins bedeuten, der im Alltag zwischen Betreuung und Pflege kaum vorkommt. Die Kunsthalle Mainz bietet zu jeder neuen Ausstellung den Rundgang „Erzähl mir was“ für Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen an. Die aktuelle Ausstellung „Freundinnenschaft“ endet Anfang Januar 2027. Ein entsprechender Rundgang ist nicht mehr geplant, kann aber für interessierte Gruppen, z. B. von einem Demenz-Stammtisch, organisiert werden. Kontakt: Lisa Weber, per Tel. 06131 126938 oder E-Mail: weber@kunsthalle-mainz.de Auf der anderen Rheinseite, in Wiesbaden, bietet das Museum Wiesbaden in Kooperation mit dem GereNETZ und der Regionalen Diakonie Wiesbaden an vier Samstagen im Jahr Kunstbetrachtungen ausgewählter Werke für Menschen mit Demenz und Angehörige an. Die nächste Veranstaltung „Blickfang: Kunstbetrachtung für Menschen mit Demenz“ findet am Samstag, 28.11.2026 von 14 bis 16.30 Uhr statt. Anmeldung: Ute Kern-Müller, Tel. 0611 17 45 36 01, E-Mail: ute.kern-mueller@regionale-diakonie.de Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Unterstützung – das ist an jedem Ort zu jeder Zeit möglich. Der ältere Herr, der Mühe hat, an der Kasse des Supermarktes die Münzen aus dem Portemonnaie zu holen. Hinter ihm wird die Schlange länger und länger, bis er es geschafft hat. Eine über 90-jährige Dame möchte am Bankschalter jeden Ersten des Monats von der Angestellten wissen, ob ihre Rente auf dem Konto eingegangen ist und die Miete abgebucht wurde. Sie hält der Angestellten ihren Kontoauszug hin. Die erklärt ihr geduldig und langsam sprechend, was darauf steht. Am nächsten Ersten des Monats fragt die Dame dasselbe.
Solche Situationen gibt es überall. Schön, dass immer wieder Menschen da sind, die sich Zeit nehmen und unterstützen, die Hilfe anbieten – ohne zu bevormunden. Schwierig ist das. Ähnlich wie die Beschäftigung mit der Krankheit Demenz schwierig ist und auch denjenigen bedrückend erscheint, die befürchten, vielleicht irgendwann einmal selbst daran zu erkranken.
Vielleicht hilft ein eher spielerischer Einstieg in das Thema. Älter werdende Menschen schreiben Ereignisse auf, die ihnen besonders viel Freude machen, Blumen, die sie lieben, Bücher, die sie immer wieder lesen, Lieder, zu denen sie gerne tanzen, Gegenstände, an denen sie hängen. Und sie notieren, was sie gar nicht mögen. Denn ein Mensch mit Demenz weiß oft nicht mehr, wie die Blume heißt, die ihm so gut gefällt. Aber ihren Duft wird er mögen. Und den Geschmack von – vielleicht – Sauerkraut vergisst der Mensch auch nicht.
Hinweise:
In der Mainzer Volkshochschule findet am Mittwoch, 2.12.2026, von 19 bis 21 Uhr der Kurs „Gedächtniserfolge sogar bei Demenz“ statt.
Unsere Autorin Marion Diehl arbeitet in Hessen ehrenamtlich in der Demenz-Betreuung.
Weite Informationen und Angebote unter:
https://www.netzwerkdemenz-mainzbingen.de
https://www.mainz.de/angebote-entdecken/soziales-und-gesellschaft/alt-und-jung/demenz/demenz
Text: Marion Diehl