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PAD Mainz erhält dreijährige Konzeptionsförderung durch Kulturministerium

Drei professionelle freie Theater in Rheinland-Pfalz erhalten ab sofort eine dreijährige Konzeptionsförderung durch das Kulturministerium: das KiTZ Theaterkumpanei (Ludwigshafen), das Theater Streu Licht (Schornsheim) und das Mainzer Performance Art Depot (PAD), das eigentlich gar keine eigene Spielstätte mehr hat, nachdem die Immobilie in der Leibnizstraße in neue Hände übergegangen ist.

Mit der neuen dreijährigen Konzeptionsförderung fördert das Kulturministerium professionelle freie Theater und professionelle freie Ballettcompagnien in Rheinland-Pfalz. „Mit diesem neuen Förderinstrument wollen wir einen Beitrag zur Zukunftssicherung für die professionellen freien darstellenden Künste leisten“, erläuterte Kulturministerin Katharina Binz die Zielsetzung des Programms. Die Förderempfänger der ersten Auswahlrunde für den Zeitraum 2022 bis 2024 werden jeweils mit bis zu 20.000 Euro pro Jahr gefördert.
Ausgewählt wurden diese drei Einrichtungen von einem externen Fachbeirat. Ihm gehörten die Schauspielerin, Moderatorin und Regisseurin Magdalena Schwellensattl aus Südtirol, Kathrin Schremb, Theatergründerin und Kulturmanagerin aus Thüringen, und der Produzent, Regisseur und Schauspieldozent Wolfram Scheller aus Brandenburg an. Insgesamt waren elf Bewerbungen beim Kulturministerium eingegangen.

Tanz- und Performancefestival OUT OF SPACE – 1. bis 4. September in Mainz
Nach Verlust des langjährigen Veranstaltungsortes in der Neustadt und einer zweijährigen Corona-Zwangspause präsentiert das performance art depot übrigens vom 1. bis 4. September im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz ein BEST OF unterhaltsamer, außergewöhnlicher und innovativer Performance- Tanz- und Videoproduktionen.
Das pad-Team hat Künstlerkollegen und ehemalige Gastkünstler gefragt, wie sie in den letzten zwei Jahren mit der raumlosen und oft auch zuschauerlosen Situation umgegangen sind. Dabei hat sich gezeigt, dass die Erkundung und Erschließung neuer Räume abseits oder außerhalb gewohnter Auftrittsorte, sowohl im realen als auch im virtuellen Raum, seit Mitte 2020 im Mittelpunkt der Arbeit vieler Kulturschaffender steht.
OUT OF SPACE bietet nun Künstlern aus Mainz, Deutschland und dem europäischen Ausland die Möglichkeit, mit 12 Einzelprojekten zu zeigen, welche kreativen Wege sie gefunden und mit welchen Themen sie sich in den letzten Jahren beschäftigt haben. Das Programm bietet eine Vielzahl an unterschiedlichen Performances – vom Liederabend mit einer veganen Drag-Kuh, über einen anarchistischen Audiowalk, tanzenden Fledermäusen und hybrider Weltrettungsperformance, bis hin zu einer interaktiven Ausstellung, einem Tanzworkshop und intimer Sündenbeichte.

www.pad-mainz.de

Hintergrund zu den Gewinnern der Konzeptionsförderung:

KiTZ Theaterkumpanei, Ludwigshafen
Mit der Konzeption „Die anderen Geschichten finden“ plant die KiTZ Theaterkumpanei eine Recherche zu diverseren Perspektiven und einer zeitgemäßen dialogischen Erzählweise im Theater für Kinder in einer nicht-mehr-weißen Gesellschaft.
Die Theatermacher*innen Bärbel Maier und Peer Damminger postulieren: „Diverse Perspektiven sind unerlässlich für eine angemessene Auseinandersetzung mit unserer Realität. Denn wir beschreiben mit unserem Theater, mit unseren Erzählungen nicht nur unsere Gesellschaften, wir gestalten sie!“ Deshalb machen sie sich auf die Reise, bauen auf bestehende Kontakte mit Künstler*innen, Netzwerken und Kontakten im Iran, in Ruanda und in Portugal – in der Absicht zu lernen, einen genuinen Austausch zu pflegen, eine nicht „weiße“ Perspektive auf die Gesellschaft zu fundieren. Um das Theater für ihr kulturell diverses Publikum daheim formal wie auch inhaltlich zu erneuern.
Votum des Beirats: Die KiTZ Theaterkumpanei legt ein spannendes Konzept vor, das sich eines zeitgemäßen Themas annimmt. Die geplanten Arbeitsschritte, die im Charakter einer Projektarbeit klar beschrieben werden, sind geeignet, ein Publikum und die Gesellschaft, die es umgibt, zu sensibilisieren für die Limitierungen einer „weißen“ Sichtweise auf Geschichte und Geschichten. Dazu bauen die Künstler*innen auf bestehende Netzwerke und eine langjährig gepflegte Tradition der Zusammenarbeit. Das Vorhaben generiert sich schlüssig aus den künstlerischen Biographien der Antragstellenden und zeugt so von einem tiefen Bemühen zur Durchdringung des gewählten Themas. Nach Abschluss der dreijährigen Förderzeit ist die Entwicklung einer Strahlkraft zu erwarten, die die Kulturszene und das Zusammenleben der Menschen in Rheinland-Pfalz nachhaltig bereichern wird.

performance art depot (pad), Mainz
Hinter dem „performance art depot“ (pad) steht federführend das Performer-Duo „Schmitt & Schulz“, Nic Schmitt und Peter Schulz, das ab 2007 in Mainz einen Spiel- und Produktionsort für zeitgenössische Bühnenformen etablieren konnte: Eigene Produktionen, Gastspiele regionaler, nationaler und internationaler Künstler*innen, Festivals, Artist-in-Residence-Projekte u.v.m. bestimmten das Programm, bis die Location Anfang 2020 aufgrund äußerer Umstände aufgegeben werden musste. Aus der Not macht Schmitt & Schulz nun eine Tugend und legt für das pad eine Konzeption zur Profilveränderung vor: Binnen drei Jahren soll das Ensemble entwickelt werden zum mobilen Produzenten von Performancekunst und zum dezentralen Veranstalter mit Reichweite vom regionalen ländlichen Raum bis zu internationaler Präsenz.
Votum des Beirats: Die Antragstellenden zeigen sich gut verankert und vernetzt, bringen viel Erfahrung sowohl in produzierender und veranstaltender Funktion wie auch als Performer mit. Sie haben Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen auch in widrigen Situationen bewiesen. Diese Akteur*innen gilt es nun fördernd zu begleiten im Übergang, bei ihrem Schritt hin zu einer Neuorientierung. Die vorgelegte Konzeption erläutert die dazu erforderlichen Arbeitsschritte schlüssig in Form eines 3-Stufen-Plans, der geeignet erscheint, die Performance Art als eine zumeist vor allem „urban“ wahrgenommene künstlerische Form in den ländlichen Raum und die Fläche zu tragen.

Dabei zeichnet sich der Antrag des pad nicht zuletzt dadurch aus, dass er über die individuellen Perspektiven des Duos Schmitt & Schulz hinausdenkt. Er unternimmt den Entwurf hin zu einer Produktionsplattform auch für andere Künstler*innen. Der Transformation der „kleinen“ Duostruktur hin zu einer neuen Mobilität, Flexibilität und erweiterten Vernetzung soll sich ein größer konzipierter Transformationsprozess anschließen. Ein ehrliches Ringen um Interaktion und Kooperation als ein zentrales Interesse der Antragsteller*innen tritt dabei klar hervor.

Theater Streu Licht, Schornsheim
Das Theater Streu Licht befindet sich im ländlichen Raum im Zentrum Rheinhessens, in einer Gemeinde mit ca. 1600 Einwohner*innen. Seit 2018 ist es dort aktiv. Als Veranstaltungsraum nutzt es einen historischen Ort: den ehemaligen Pferdestall einer rheinland-pfälzischen Hofreite von 1895. Primär werden dort Eigenproduktionen entwickelt und gespielt.
Hauptverantwortlich für das künstlerische Profil der Einrichtung ist die Regisseurin, Schauspielerin, Theaterwissenschaftlerin, Stimmtrainerin und Musiktheaterpädagogin Susanne Schwarz-Steinherz, die sich in erster Linie dem Musiktheater und der Oper für junges und erwachsenes Publikum verschrieben hat. Folgerichtig widmet sich auch der zur Konzeptionsförderung eingereichte Antrag der niederschwelligen Vermittlung eines gemeinhin als „schwer vermittelbar“, als „urban“ und „wenig kindgerecht“ geltenden Genres: des Musiktheaters, insbesondere der Oper – für ein junges Publikum – im ländlichen Raum.
Votum des Beirats: Das Theater Streu Licht hat sich mit großem Engagement einem herausfordernden Genre verschrieben und will es breitenwirksam mit einfachen Mitteln weiterentwickeln. Sein Ansinnen, das Augenmerk des Rezipienten zurückzulenken auf die Kunst des Hörens, erscheint notwendig und wichtig in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche häufig in einer von visuellen Reizen überfluteten Umgebung aufwachsen. Dabei weist der Antrag eine hohe Glaubwürdigkeit in der Wahl der Mittel auf: Zentrales Interesse der Antragstellenden ist der Vermittlungsaspekt, der in den Fokus gerückt wird durch die Definition zeitgemäßer Formate wie zum Beispiel Live-Hörspiele und Audiowalks, die im ländlichen Raum ortsspezifisch gut funktionieren können.
Das vorgelegte Konzept ist schlüssig formuliert, erscheint greifbar und realisierbar, weil es verschiedene sehr konkrete Stränge verfolgt sowie inhaltlich-künstlerische und strukturelle Ansätze klug kombiniert. Darunter fällt die Reflexion künstlerischer Formate ebenso wie die Frage nach zeitgemäßen Mitteln der Außendarstellung (z.B. mittels App), die gerade unter Bedingungen des ländlichen Raumes und des Genres sinnvoll erscheinen, aber noch nicht Standard sind, und vor dem Hintergrund einer umfassenden Werbekampagne gedacht werden. Ein Netzwerk- und Nachwuchsförderungsgedanke, der sich formt in der Planung einer Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Mainz, rundet die zukunftsorientierte Reichweite der Konzeption nachvollziehbar ab.

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