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Im Interview: Prof. Dr. Susanne Weissman (die neue Präsidentin der Hochschule Mainz)

Seit März sind Sie Präsidentin der Hochschule, pünktlich zum Lockdown. Wie ist es für Sie?
Ich kam aus Nürnberg, dort war ich Vizepräsidentin, und wollte mich nochmal ein wenig umschauen in der deutschen Hochschulwelt. Mainz ist eine Hochschule mit vielen „Rohdiamanten“, das hat mich gereizt, beispielsweise die Digitalisierung in Verbindung mit Geisteswissenschaften, das duale Studium und die drei Fachbereiche, die sehr komplementär sind. Und dann kam Corona. Wir haben flexibel die Lehre umgestellt, waren diszipliniert mit den Hygienemaßnahmen, und sind dabei natürlich etwas privilegierter als in der freien Wirtschaft. Die komplette Umstellung erfolgte innerhalb nur einer Woche. Das war sehr herausfordernd. Im Sommersemester war somit alles geschlossen. Im Winter wird es aber wieder mehr Präsenzunterricht geben. Wir machen das Beste draus.
Bleiben die Studierenden zu Hause?
Momentan sind Semesterferien, bald geht es wieder los. Da es viel Online-Lehre gibt, überlegen einige Studierende, ob sie besser hierher ziehen, oder das Geld lieber sparen wollen. Es spricht jedoch vieles dafür, vor Ort zu sein. Ein „Hauch“ studentisches Leben ist in jedem Fall möglich. Klar, so wie vorher ist das alles nicht. Aber wir schauen auf die Möglichkeiten, statt auf das, was fehlt.

Aktuell wird neben der Hochschule neu gebaut. Ein zweites großes Gebäude und Umzüge stehen an. Was ist geplant?
Wir erweitern unsere Hochschule. Alle Fachbereiche aus der Innenstadt sollen hier an den Standort hinter der Uni kommen. Das betrifft vor allem die Wallstraße und Holzstraße, also die Gestaltung und Technik. Der Umzug findet Ende 2023 statt, spätestens Anfang 2024. Der Campus und der neu entstehende Bau sind für 2.700 Personen ausgelegt. Da wir insgesamt über 5.500 Studierende haben – die nicht immer zeitgleich vor Ort sind – werden wir sogar noch einen dritten Bauabschnitt in naher Zukunft benötigen. Damit entsteht hier hinten auch ein ganz neues großes Areal, mit Wohnheimen, dem Stadion, der neuen IGS, Wohnungen und Büros, der neuen Brücke. Es gibt unterschiedlichste Bauvorhaben. Aus Hochschulsicht ist es daher wichtig, eine Aufenthaltsqualität zu schaffen, also Nahversorger und Gastronomie. Hochschulen punkten ja nicht zuletzt mit einem attraktiven Standort.

Auch das Medienzentrum in Kooperation mit der Universität ist in Planung. Können Sie mehr dazu sagen? Das wird vermutlich 2027 auf dem Uni-Campus fertiggestellt werden. Dort entstehen von unserer Seite vor allem Arbeitsräume und Ateliers. Das betrifft den Studiengang Zeitbasierte Medien, der bis jetzt noch in der Wallstraße untergebracht ist. Übrigens gehört auch unser Ausstellungsraum LUX auf der Ludwigsstraße mit in das Gesamtpaket. Wir werden die Räume dort als Schaufenster für die Hochschule nutzen, solange wir können.

Ist die Digitalisierung für Sie ein Allheilmittel?
Ich denke, wir müssen verstehen, was sie bedeutet, um das Ganze beurteilen zu können. Deswegen stellen wir das Thema auch so nach vorne. Aber auch das Thema Nachhaltigkeit ist mindestens genauso wichtig. Digitalisierung macht auf jeden Fall vieles möglich – zusätzlich zum Analogen. Da hat es einen Mehrwert. Wo liegt der Mehrwert außerdem? Dazu müssen wir uns mehr Kenntnisse bilden anstatt lediglich Meinungen. Auch Datenschutz, der gläserne Kunde, virtuelles Geld … all das muss ich verstehen und mich damit beschäftigen, sonst entscheiden es andere.

MENSCH

Können Sie etwas über Ihren Werdegang sagen?
Ich komme aus Oberfranken, habe aber keine fränkischen Eltern, dafür drei Geschwister. Ich habe in Hof mein Abitur gemacht, dann Lehramt in Bayreuth und Würzburg studiert und wollte danach nicht direkt wieder in die Schule. Also habe ich noch Psychologie in Erlangen studiert und meine zwei Kinder während des Studiums bekommen. Danach habe ich promoviert über sexuellen Missbrauch in der Familie und mich da heraus entwickelt und eine psychologische Praxis geführt. Hier folgten Aufträge aus Organisationen, Trainings und Coachings, neben der Psychotherapie. Daraus wiederum entstand ein Lehrauftrag an der Hochschule. Und der führte mich 2004 schließlich zu einer Berufung als Professorin für Sozialpsychologie. So kam eines zum anderen, bis ich 2008 Mitglied der Hochschulleitung an der TH Nürnberg wurde. Und nun der Wechsel nach Mainz, mit dem ich schlussendlich auch meine psychologische Praxis aufgegeben habe.

Hilft Ihnen die Psychologie im Job weiter?
Wenn, dann das Zuhören und Menschen verstehen – sich in andere hineinzuversetzen – der gegenseitige Respekt. Jeder hat ja ein Bedürfnis nach Gesehen-Werden. Das gelingt mir mal gut, mal nicht so gut. Aber grundsätzlich hilft es, wenn es darum geht, gemeinsam etwas voranzubringen und nicht gegen alle Widerstände zu arbeiten. Denn meistens haben Menschen gute Gründe.

Wie sehen Sie das mit Corona und den Gründen und Ansichten der Menschen?
Es gibt Argumente da gehe ich mit und welche, da gehe ich nicht mit – vor allem wenn ein Dialog nicht geführt wird. Auch bei Initiativen wie „Querdenken“ überprüfe ich erst immer, ist jemand dialogbereit? Ich versuche keine anderen Meinungen oder Menschen vorschnell zu be- oder gar zu verurteilen. Im gesellschaftlichen Dialog gibt es für mich Werte, die gelten. Rosa Luxemburg sagte einmal: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ – das gilt aber immer und ist unteilbar, meint also Offenheit und Respekt als etwas Gegenseitiges.

Wohnen Sie hier und wie finden Sie Mainz?
Ich wohne seit Ende Februar im Münchfeld. Meine Kinder sind erwachsen und ich habe eine Enkelin in Nürnberg, die ich alle paar Wochen besuche. Mein Mann, der ebenfalls in Nürnberg lebt, pendelt. Mainz hat eine große Freundlichkeit, Herzlichkeit und Offenheit. Trotz Corona finde ich es leicht, Kontakte zu schließen, auch weil ich von anderen „reingeholt“ werde. Die Stadt empfinde ich als etwas uneinheitlich vom Stadtbild. Da gibt es schöne Ecken und gleichzeitig Spuren von Beschädigungen aus alten Zeiten, so wie auch in Nürnberg Kriegsspuren existieren. Viel mehr kann ich seit der recht kurzen Zeit dazu noch nicht sagen.

Und was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?
Ich freue mich auf die Kultur hier, vor allem sehr auf das Mainzer Tanztheater. Ich wandere gerne, zum Beispiel auf dem Rheinsteig. Ich lerne seit einiger Zeit Klarinette, tue mich damit aber ziemlich schwer. Und ich höre gerne Musik, vorwiegend Jazz. Und lesen natürlich, zuletzt Biografien über Hegel und Hölderlin oder aktuell Belletristik von Julian Barnes und gerne Sachbücher über Transformation und Digitalisierung.

Interview David Gutsche
Foto Jana Kay