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Der Schwänzeltanz der Stadtimmen: Imker in Mainz


von Ulla Grall
Fotos: Isabel Jasnau

In deutschen Großstädten werkeln immer mehr junge Stadtimker, fast schon eine kleine Bewegung ist entstanden. sensor nimmt Bienenvölker und –halter im Stadtgebiet Mainz ins Visier.

„Die Akazienblüte lässt dieses Jahr auf sich warten.“ Imker Pauly steht bei seinen Bienenkästen und beobachtet die an- und abfliegenden Tiere. „Nicht genau in die Flugbahn stellen“, warnt er. Seine Bienen stechen jedoch nur selten: „Die Rasse Karnika ist recht sanftmütig. Momentan blühen die Kastanien und wir können eine gute Tracht erwarten. Dann wird für dieses Jahr der erste Honig geschleudert.“ Der Imkermeister begann 1978 mit der Bienenhaltung und ist eine unerschöpfliche Quelle für Bienenwissen. „Trotzdem ist die Imkerei immer ein Hobby geblieben. Ich war KFZ-Meister und habe auch unsere Kinder großgezogen.“ Seine Frau ging zur Arbeit und konnte ihn bei seinen Bienen nicht unterstützen; sie ist allergisch gegen Bienenstiche. „Mir hingegen macht so ein Stich kaum noch was aus.“

Stadtnahe Beuten
„Nur 500 Meter Luftlinie vom Dom entfernt“, bezeichnet Reinhold Pauly den Standort seiner Bienenvölker im Zitadellengraben. Schon seit 20 Jahren stehen hier seine Beuten, wie man die Kästen nennt, in denen die Bienen in vorbereitete Rähmchen ihre Waben einbauen. Traditionell sind es Holzkästen, Paulys Beuten sind aus Kunststoff, der gut isoliert und wesentlich leichter ist. „Der Zitadellengraben ist ein ausgezeichneter Standort für Bienen“, findet Pauly. „Der Graben und seine Umgebung sind Landschaftsschutzgebiet und bieten den Bienen eine abwechslungsreiche Tracht, das macht die gewonnenen Honige sehr unterschiedlich.“ Seine Immen fliegen bis zu 3 Kilometer in die umliegenden Grünanlagen, Gärten und in den Stadtpark, um ihre süße Ernte einzusammeln. Vor allem die Kleingärtner wissen das zu schätzen, sorgen doch die Bienen als Befruchter bei den Obstbäumen für reiche Ernte. Eine Biene kann 160.000 Blüten unterscheiden und findet immer zu ihrem Stock zurück. Über den „Schwänzeltanz“ teilt sie den anderen Bienen mit, wenn sie eine ertragreiche Blütenquelle gefunden hat, aus der Art ihrer Bewegungen erkennen die anderen Immen sowohl Blütenart und Entfernung vom Stock, als auch Ergiebigkeit der Honigquelle. Zwischen 15 und 50 Kilo Honig kann ein Volk innerhalb einer Saison sammeln. Eine einzelne Arbeitsbiene fliegt dafür 3.000 Kilometer und muss 8.000 Blüten aufsuchen. In zahlreichen Großstädten, allen voran Berlin, München und Paris, gibt es mittlerweile eine Stadtimker-Bewegung. Vor allem junge Menschen halten Bienen auf Dachterrassen oder sogar auf dem Balkon. „Nichts spricht dagegen“, meint Pauly. „Die Vielfalt an blühenden Pflanzen ist höher als auf dem Lande, und giftige Spritzmittel werden so gut wie nicht eingesetzt.“

Jungimkerinnen haben „Honiglust“
Junge Nachwuchsimkerinnen aus Mainz sind die Schwestern Eva und Anne Kessler und ihre Freundin Steffi Kuhn. Sie sind bei Pauly „in die Lehre gegangen“ und nun stolze Besitzerinnen eines ersten eigenen Bienenvolkes. „Wir fangen langsam an“, sagt Steffi. „Das hat uns unser Imkerpate und -lehrer geraten.“
Der Bienenstock der Neuimkerinnen steht inmitten der weitläufigen Obstanlagen des Haxthäuser Hofs bei Wackernheim. Eva und Anne haben den Bio-Hof geerbt und sich entschlossen, ihn selbst zu bewirtschaften. „Auf dem Gelände gab´s mal ein Frauenkloster, davon zeugen 900 Jahre alte Mauerreste. Ein Hinkelstein, der vor zehn Jahren beim Pflügen gefunden wurde, ist ca. 5.000 Jahre alt“, erzählt Anne, die von Beruf Schmuckdesignerin ist. Auch die beiden anderen haben Berufe, die sie „nebenbei“ ausüben. Eva ist Immobilienverwalterin und Steffi, die noch studiert, wird Kamerafrau.
Insgesamt acht Hektar Land gehören zum Hof, hier wachsen Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen. Dass da zur Befruchtung der Blüten Bienen gebraucht werden, ist nur logisch. „Wir werden um den Hof Blühstreifen einsäen, damit die Bienen auch außerhalb der Blütezeit der Obstbäume genügend Nahrung finden“, erzählt Eva. Überhaupt haben die jungen Frauen viele Ideen: Ein Hofladen ist geplant und auch ein kleines Hofcafé. „Da wollen wir unseren eigenen Saft ausschenken.“ In ein paar Jahren wird es mehr Bienenvölker geben, „dann gibt es auch hofeigenen Honig zu kaufen“.

Bienenhaltung will gelernt sein
Wer Bienen halten will, sollte sich unbedingt einen „Lehrer“ suchen. Allein die Behandlung gegen die Varroamilbe erfordert einiges Fachwissen. Diese Parasiten schädigen die Bienenvölker, indem sie sich an den Bienen oder deren Larven festsaugen. Ein Volk, das nicht gegen die Milbe behandelt wird, stirbt binnen zwei Jahren. Auch Insektizide machen Probleme: In Monokulturen, in denen viel gespritzt wird, sind auch die Bienen die Geschädigten. „Kranke Bienen sterben normalerweise außerhalb des Stocks, sie bringen keine belasteten Pollen mit in die Beute“, sagt dazu Udo Marchlewitz, ebenfalls Imkermeister in Mainz. Nichtsdestotrotz hat es schon mit Insektiziden belasteten Honig gegeben, und gentechnisch veränderte Pollen werden von Bienen durchaus gesammelt und eingebracht. So geschehen bei transgenem Mais und, in Kanada, bei Raps. Honig, der solche Pollen enthält, gilt als nicht verkehrsfähig, er darf nicht verkauft werden.
Auch die Witterung kann für ein Bienenvolk katastrophale Auswirkungen haben. Imker Pauly hat im vergangenen Winter große Verluste bei seinen Völkern beklagt: „Es war zu lange zu mild. Die Bienen haben sich einfach abgearbeitet.“ Also ist „gutes Wetter“ auch nicht immer erwünscht. „Dieses Frühjahr ist die Entwicklung aber gut“, freut sich der Imkermeister.

Fleißige Vorstadtbienen
Die Bienenkästen von Udo Marchlewitz haben am Rande des Gonsenheimer Waldes ihren festen Platz. Marchlewitz ist Imker mit Leib und Seele und gibt sein Wissen gerne weiter. Am liebsten unterrichtet er Kinder: „Man muss die Jugend wieder an die Bienenhaltung heranführen“, meint er. „Die Kids wissen ja heute gar nicht mehr, wie eine wirkliche Biene überhaupt aussieht.“ Die Vorstellung von Bienen sei geprägt von der Biene Maja. „Nach vier Jahren ohne Bienen stirbt die Menschheit aus“ zitiert er einen Ausspruch von Albert Einstein, und unterstreicht diese Behauptung: 80 Prozent der Obstbäume werden von Bienen bestäubt – ohne Bienen also kein Obst. Bienen sind „blütenbeständig“, wenn sie sich für eine Blütenart entschieden haben, fliegen sie diese immer wieder an, bis die Blütezeit dieser Pflanze zu Ende ist. Das Ergebnis ist sortenreiner Blütenhonig.
Die Bienenvölker der Familie Strack dagegen sollen nicht nur Honig produzieren, sondern genauso die Obstanlagen befruchten. „Wir haben zurzeit sieben Völker“, erzählt Frau Strack, die in Gonsenheim das „Gonsbachlädchen“ betreibt. Eines ihrer Völker steht über Sommer immer im Hof: „Damit die Kunden was zum Gucken haben.“ Eine andere Art von Bienenshow ist im Garten von Odile Landragin zu bestaunen: Das „Neue Museum für Bienen“ ist eine Wanderausstellung der Künstlergruppe „finger“ (Florian Haas und Andreas Wolf). Im Rahmen ihres Projekts „Stadtimker“ haben sie schon an vielen Orten künstlerisch gestaltete Bienenstände aufgestellt, unter anderem auf dem Museum für moderne Kunst in Frankfurt. Die Ausstellung in Gonsenheim kann noch bis zum Herbst besichtigt werden.

In der Apotheke und der Kunst
Bienen produzieren nicht nur Honig, im Bienenstock entsteht viel mehr. „Apitherapie“ nennt sich eine wiederentdeckte Heilkunde mit Produkten aus der „summenden Apotheke“. Für Leute mit Heuschnupfen zum Beispiel ist Bienenhonig aus einem Umkreis bis 50 Kilometer ein natürliches Antiallergikum. Als Nahrungsergänzung angewendet, sind Pollen hilfreich bei Leberproblemen, regelmäßig verzehrt fördern sie Konzentrationsfähigkeit und Lebensfreude. Sind deshalb die Bienen immer so munter? Dass warme Milch mit Honig im Winter gegen eine heranziehende Erkältung vorbeugt, weiß mancher noch aus seiner Kindheit, dass aber eine Massage mit leicht erwärmtem Honig nicht nur entspannend, sondern auch entgiftend wirkt, gehört zu den Geheimnissen tibetischer Heilkunde, denen man erst jetzt langsam auf die Spur kommt. Und Bienenwachs ist nicht nur Material für duftende Kerzen, sondern findet sich auch in Lippen-Pflegestiften und anderen Kosmetika.

Mehr Stadtimker braucht das Land
Anders als in München, Berlin, Paris oder Frankfurt gibt es in Mainz noch keine „richtigen Stadtimker“, die ihre summenden Haustiere auf dem Balkon oder der Terrasse halten. Wer also einen großen Balkon hat oder eine Dachterrasse – nur zu: Mehr Stadtimker und Bienen braucht das Land!

 

Mainzer „Jungimkerinnen“:
www.honiglust.blogspot.de
Kreis-Imkerverein Ingelheim-Bingen:
www.imkerverein-ingelheim-bingen.de
Neues Museum für Honig und „Stadtimker“:
www.fingerweb.org